27.01.2007

Ein erster Blick: auf 4500m tiefes Wasser (Pazifikpassage, 6. Tag)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 26° C, OSO 5-6, 78%, heiter


In regelmäßigen Abständen findet sich auf der letzten Seite unsres Tagesprogramms der Hinweis: „Sehr verehrte Gäste, auf der EUROPA gibt es leider keine Liegestuhlreservierung. Da ausreichend Liegestühle für alle Passagiere bereitstehen, bitten wir Sie, bei längerer Abwesenheit keine Handtücher, Bücher etc. auf die Liegestühle zu legen, um diese zu reservieren. Wir danken für Ihr Verständnis.“ Zu danken gibt es freilich wenig, der Kampf um die Liegestühle wird täglich aufs neue geführt. Viele Gäste erheben Anspruch auf eine Stammliege, die sie schon vor dem Frühstück auf bekannt deutsche Weise in Besitz nehmen, aus Prinzip, auch wenn sie gar nicht vorhaben, sich zu sonnen. Die dunkelhäutige Ehefrau eines inkognito reisenden Industriemagnaten, Inbegriff einer eleganten Dame, wurde von Frau Riebenstein einmal mit den Worten „Wie, Sie wollen ##noch## brauner werden?“ vom Sonnendeck verscheucht, als sie während der Mittagspause gewagt hatte, sich neben ihr zu plazieren. Die fette Frau Schachtlmacher erzählt sogar stolz, daß sie auf einer neuen Matrazenauflage bestanden hat, als ihr der Decksteward justament jene Liege zuweisen wollte, die die Dame gerade im Begriff war zu räumen. Als sich diese dann auch noch in fließendem Deutsch „eingemischt“ habe, sei sie mit einem „Was, Sie sprechen sogar …?“ demonstrativ davongegangen. Konsul Walder hat ihr ins Gesicht gesagt, daß er sich derartige Mitteilungen verbittet, „noch dazu von einer solchen Person“ wie ihr, am liebsten würde er sie des Schiffes verweisen.

26.01.2007

Ein erster Blick: auf die südliche Erdhalbkugel

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 23,5° C, OSO 5, 87%, heiter


In der Nacht, 4:12 Uhr, endlich: Haben den Äquator passiert. Gefeiert wurde bereits einige Stunden zuvor, ab 21:45 Uhr am Lido Pool – Äquatortaufe! Ansprache von Käptn, erstem Offizier (halb als Pirat, halb als Triton verkleidet, an seinen goldnen Gummistiefeln grüne Troddeln), „Hofastronom“, der uns anschließend im Pool das Wasser exakt dort teilte, wo die Demarkationslinie zwischen Nord und Süd in wenigen Stunden verlaufen würde. Großes Ah & Oh, überdröhnt von der Schiffssirene. Dann das Ausschwärmen der kleinen Meerjungfrauen, die uns reihum gesalzne Heringe in den Hals fallen ließen, den gräßlichen Geschmack gleich wieder mit klarem Naß wegspülten, „um uns durch einen würzigen Schluck vom Schmutz der nördlichen Halbkugel zu befreien“. Ententanz der soeben Getauften, „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, weitere Wodkarunden. Sukzessiver Verlust der Muttersprache bei einigen Beteiligten. Das Aufblinken der roten Äquatorbojen bekommen die wenigsten noch mit, die Einfahrt in die große Nord-Süd-Schleuse: Neptun mit Dreizack entert die Back, dirigiert von der Plattform unterhalb des Fahnenmastes sein Gefolge, das uns an sechs weiße Zugwale anseilt. Dann das Schleusentripel, kein einziger Meter Höhenunterschied in einer allesentscheidenden Sekunde – du denkst, du fährst, doch in Wirklichkeit wirst du gezogen. Wer hätte sich’s träumen lassen, daß es eine Äquatorschleuse gibt! Wie im Panamakanal, nur … geht der Traum an andern Morgen mit einem Brummschädel zu Ende: unerbetener Besuch von Haustieren.

25.01.2007

Ein erster Blick: auf 4000 Meter tiefes Wasser (und in einigen Stunden: auf den Äquator)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 25,5° C, OSO 4, 74%, leicht bewölkt


Mit konstanten 17,5 Knoten pflügen wir nach Südwest, fast jeden zweiten Tag bekommen wir eine Stunde nachts geschenkt (die man uns freilich an der Datumsgrenze alle auf einen Schlag wieder abziehen wird), die Temperaturen steigen mittags bis auf 32 Grad, der Pool ist längst wieder fest in Nichtschwimmerhand. Manch einer verkraftet die plötzliche Hitze nicht so gut: Einer der fliegenden Fische – so klein wie sie sind, schaffen sie doch gut und gern 30, 40 Meter – ist Herrn Professor Billhardt auf den Balkon gesprungen (5er-Deck!); statt ihn jedoch ins Meer zurückzuwerfen, hat er ihn „in einem Anfall von Wut und Ekel“, wie er erzählt, mit seinem Stock in die Lenzpforte unterhalb der Reling geschubst, gequetscht, regelrecht hineingestopft; seitdem gilt er bei unsern Damen als Barbar. Selbst dem Bordpastor muß die Hitze zu Kopf gestiegen sein, einem erfahrnen Jesuitenpater, der es mit seinem gesunden Appetit und seinem lauten Lachen im Europa-Restaurant zu einiger Berühmtheit gebracht hat: Er soll einer Dame in seiner Tischrunde derart häufig? tief? direkt? in den Ausschnitt geblickt haben, daß sie sich beim Maitre D’ über ihn beschwert hat. Mit Erfolg, der Pater, ein passionierter Raucher, wurde strafversetzt – an einen Nichtrauchertisch. Auf die Fragen seiner zukünftigen Mitesser, warum er ihre Runde erst jetzt bereichere, schließlich liege der letzte Austauschhafen schon ein paar Tage zurück, soll er geantwortet haben: Ursprünglich sei er an einem Tisch mit einer Dame plaziert gewesen, die sich Abend für Abend mit der restlichen Runde aufs Übelste gestritten hätte; schließlich sei auch er am Ende seiner seelsorgerischen Möglichkeiten gewesen und habe um eine Umplazierung gebeten. Dazu Sarah, etwas vorlaut: „Ein Lügner ist er also auch noch.“

24.01.2007

Ein erster Blick: auf besseres Wetter? (Pazifikpassage, 3. Tag)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 25° C, NO 3, 73%, bedeckt


Bewegte Zeiten! Der Nordostpassat treibt uns mit bis zu 30 Knoten voran, die Dünung ist beträchtlich. Da schwankt nicht nur eine Frau Stäblein, auch im Pool schlagen die Wellen meterhoch. Ob wir das Wasser darinnen „selber herstellen“ würden, fragte eine der Nichtschwimmerinnen, die das Becken weiterhin vor jedem schützen, der frecherweise schwimmen will. Als sie vom Decksteward erfuhr, daß es Meerwasser sei, gereinigt und beheizt, nickte sie voller Verständnis: „Deshalb die Wellen.“ Wenig später stampfte unsre Hütte so entschlossen, daß ihre Mitnichtschwimmerin Juliane Wack samt Plastikente in hohem Bogen aus dem Becken katapultiert wurde. Ihr Glück war es, daß sie direkt im Whirlpool daneben landete, auf dem Schoß unsres Gästebetreuers, der sie mit einem herzlichen „Soft landing, Frau Wack!“ sofort wieder zum Lachen brachte. Nicht einmal die Plastikente konnte sich seinem Charme entziehen; obwohl bereits entschlossen zum Sprung über die Reling ansetzend, konnte er sie mit Engelszungen überreden, zu ihrer Besitzerin zurückzukehren. Das schafft auch nur ein Tonio Kröger! Trotzdem haben sich die Nichtschwimmer seitdem vom Pool zurückgezogen, es herrscht eine gespannte Ruhe auf dem Lido-Deck, man vermutet, daß sich die Schwimmer im Schutz der Dämmerung, wenn sich die meisten fürs Abendessen umkleiden, mit einer Spontanaktion des Pools wieder bemächtigen wollen. Das Bordfernsehen hat Position an der Waffel-Bar bezogen, um gegebenenfalls live zu berichten. Unser Moderator, der vom Arzt in Acapulco ob seines gebrochnen Schlüsselbeins mit einem kräftigen Schulterklopfen zurück aufs Schiff geschickt wurde („Wenn wegen so was jeder heimfahren wollte“), beißt die Zähne zusammen; Reality-TV kann er uns nicht alle Tage bieten.

23.01.2007

Ein erster Blick: auf anhaltend schlechtes Wetter (Pazifikpassage, 2. Tag)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 24° C, N 6, 74%, bedeckt


Während wir mit unserm kleinen Weltreisegrüppchen kleine mexikanischen Abenteuer absolvierten, sind 200 neue Passagiere an Bord gekommen. Und 200 alte von Bord gegangen, darunter das doppelte Lottchen: zwei naturidentische Blondinen – kein Tag, an dem sie nicht vollkommen gleich gekleidet gewesen wären, kein Tag, den sie nicht zu jedem Zeitpunkt Seite an Seite verbracht und dabei zwillingszwanghaft gelächelt hätten – und das, obwohl sie schon kräftig über vierzig Jahre alt gewesen sein mochten! Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte ihr ständiger Begleiter, der Look-alike eines ebenso bekannten wie beliebten Schauspielers; gern unterstellte man, daß nicht einmal er die beiden Frauen auseinanderhalten konnte. So gab uns das Trio über Wochen Anlaß für Spekulationen; und ebendas war auch ihre vornehmliche Aufgabe gewesen: Es soll insgesamt ##vier## „Kesslerzwillinge“ geben (wie es Frau Stäblein ausdrückt), die eine Künstleragentur paarweise auf Kreuzfahrtschiffe vermittelt. Indem sie dort als „ganz normale Passagiere“ auftreten, lenken sie ihre Mitreisenden allein durch ihr Synchron-Outfit bzw. -Verhalten von den meisten anderen Problemen ab; die Beschwerderate soll merklich sinken, solange sie an Bord sind. Ihre Rolle: möglichst unschuldig am Bordleben teilnehmen, dabei aber stets auffällig auf ihren Begleiter orientiert. Dessen Rolle: möglichst dreideutig blicken, dabei ab und an eine Zigarre rauchen. Auch für diese Rolle gibt es weitere Darsteller; der reinigende Effekt unter den Passagieren soll desto stärker sein, je unbeliebter der Mann ist, der mit den beiden Zwillingsdamen auftritt.

22.01.2007

Ein erster Blick: auf den Pazifik (Pazifikpassage, 1. Tag)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 22,5° C, N 5, 72%, bewölkt


Dritter Tag unsrer Landpartie, dritter Bus. In der Tat hatte man uns im Lauf der Nacht Ersatz aus Mexico City geschickt, weil in Bus Nr. 2 zwar die Stoßdämpfer perfekt funktionierten, das Mikrophon der Reiseleiterin aber leicht übersteuerte. Welch ein Aufwand! Trotzdem sind nach der letzten Etappe folgende Lieblingsbeschwerden festzuhalten: Die Häppchen beim Künstler rochen nach altem Fett; schon vom Geruch bekam man Durchfall. Von seiner Messingklimperkunst erst recht. Der Tisch im Restaurant: nicht abgewischt; und dann auch noch mexikanisches Essen! Ein Fraß, man konnte sich nur von trocken Brot ernähren. Die Matratze im „Las Mañanitas“, zu hart. Die Strecken, die zu Fuß zurückzulegen, zu lang! Viel zu viel Zeit mit Sehenswürdigkeiten vertrödelt. Viel zu wenig Zeit für die Sehenswürdigkeiten gehabt (Dazu Frau Wallosek: „Mein Mann, ein totaler Bremser, auf allen Gebieten“; Herr Wallosek: Seine Frau sei nur sauer, daß nicht auch sie „von Montezumas Rache“ ereilt worden; sie habe seit Reisebeginn Verstopfung). Die Reiseleiterin gab zu lange Erklärungen („Rechter Hand ein Supermarkt, vor zwei Jahren gebaut, hat 24 Kassen …“). Der Busfahrer ein Lügner („alles wieder hundertprozentig in Ordnung“), hätte mit gebrochnem Stoßdämpfer gar nicht erst wieder losfahren dürfen. – Ein Lügner? Ein Held! Immerhin hat er für uns unterm Bus gelegen, geschuftet, geschwitzt. Habe ihm zum Abschied eine meiner Krawatten geschenkt (die mit den Weißwürsten und den Brezen). Als wir gegen 17:30 wieder unsre Hütte betreten konnten, allgemeine Erleichterung: Jetzt wissen wir’s noch ein Stückchen genauer, was wir an ihr haben. Und über was wir uns ab heute wieder beschweren können.

21.01.2007 Puerto Vallarta / Mexiko

Ein erster Blick: auf den Garten des Hotels „Las Mañanitas“, Cuernavaca/Mexiko

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18,4° C, windstill, diesig


Neuer Bus, neues Glück: Sogar diejenigen, die vorgestern über der Hinterachse saßen und mit Kopfschmerz/steifem Hals beim Frühstück erschienen, lächelten wieder. Während wir von einem Programmpunkt zum nächsten schwebten, knieten die beiden Reiseleiterinnen im Gang zwischen den Sitzen und schenkten uns Champagner aus. Der Korken der zweiten Flasche traf Professor Billhardt am Hinterkopf, angeblich reiner Zufall; hätte es auch so gehalten, ein notorischer Meckerer braucht auch mal ’nen Schuß vorn Bug. – Der Höhepunkt des Tages, trotz Pyramiden, Haciendas, Vulkankegel, unser eignes Hotel: Als wir dessen Garten am Ende der Tour wieder betreten, ist er – Samstag nachmittag! – von Hunderten bevölkert, die dort essen, trinken, palavern. Zwischen den Tischen Pfauen, Räder wie Satellitenschüsseln, darunter einige weiße. Am Goldfischtümpel Kronenkraniche, aus den Baumkronen anhaltendes Vogelgekreisch – so muß es im Paradies geklungen (und vielleicht geschmeckt) haben. Immobilienjongleur P.: „Und ich dachte, in Mexiko wird …?“ Am Fuße einer Königspalme, wo sich ein großer blauer Papagei müht, eine der Bodenlampen zu knacken und dazu auch noch „Hunger“ sagt, auf deutsch, sehr leise, nahezu resigniert, passiert dann endlich das, was Herr Wöstenkühler schon gestern prophezeit hat: Der Interrimspapagei, der das Haarnest der Kipp-Oehljeklaus vor einer Woche nur unter Protest bezogen hat und wahrscheinlich bloß deshalb darin geblieben ist, um sie von dort zu beschimpfen, läßt sich entschlossen aus seiner Behausung fallen und macht sich davon, seinem Kollegen zu helfen: „Hunger!“ Durch nichts läßt er sich bewegen zurückzukommen, im Gegenteil, fordert seine Interimsbesitzerin aufs Unflätigste auf, sich zu entfernen. Phhh, schmollt die Kipp-Oehljeklaus schließlich davon, in Puerto Vallarta werde ihr ohnehin eine neue Meise an Bord geliefert.

20.01.2007

Ein erster Blick: auf den Garten des Hotels „Las Mañanitas“, Cuernavaca/Mexiko, 1542m überm Meeresspiegel

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 17° C, windstill, diesig


Während die EUROPA weiterfährt, dreitägige Landpartie der Weltreisegäste ins mexikanische Hochland; gestern erste Etappe, Acapulco – Cuernavaca. Ein Fünfsterneplusbus, „Turismo Gran Clase ETN, La Línea más Cómoda“, extra aus Mexiko City gekommen, uns abzuholen, First-Class-Sitze wie im Flugzeug, großes Ah & Oh der „repeater“: So einen schönen Bus hätten sie noch nie gehabt. Eine halbe Stunde Panoramafahrt rund um die Bucht von Acapulco, dann steil bergauf, zu einem Künstler – vornehmlich der Aussicht wegen, die man von seiner Open-Air-Galerie hat. In der letzten Kurve passiert es, hörbares Knirschen, 11:45 Uhr, der Bus sitzt hinten auf. Kurve zu eng oder Bus zu lang? Während wir vom Künstler mit Häppchen beköstigt werden (und trotzdem nichts kaufen), versucht der Fahrer, assistiert von einem Dutzend Halbstarker, den Bus wieder flottzubekommen: Man legt Steine und Balken unter die Hinterreifen, damit diese Bodenkontakt bekommen, schaukelt den Bus Zentimeter um Zentimeter zurück. Kommentar von Konsul Walder: Fünfsterneplus, das haut außerhalb unsrer Hütte eben einfach nicht hin. Siesta Mexikana. Nach drei Stunden Schufterei haben Fahrer und Helfer den Bus so weit zurückmanövriert, daß seine Hinterräder wieder greifen – wir könnten weiterfahren! Aber nein, man beschließt, 15:00, die gute Nachricht erst mal mit einem Glas Champagner zu würdigen. Anruf des Busfahrers, wo wir denn blieben? Als wir unsre Plätze endlich wieder einnehmen, zieht er sich gerade den Krawattenknoten fest; sein völlig verdrecktes Hemd hat er schon in die Büsche geworfen: Der Bus sei wieder „hundertprozentig in Ordnung“, er selber fühle sich „superfine“. Schon nach wenigen Kilometern setzt freilich ein ungewöhnlich heftiges Geschaukel ein, in den hinteren Reihen wird man regelrecht vom Sitz katapultiert: Offensichtlich sind bei der gewaltsamen Befreiung des Busses die Stoßdämpfer gebrochen – Trampolinfahrt bis 20:30. Professor Billhardt: Der allerschlechteste Bus wäre gewiß besser gewesen.

19.01.2007 Acapulco / Mexiko

Ein erster Blick: auf die Bucht von Acapulco

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 25,5° C, NNO 3, 80%, leicht bewölkt


Die Herren Wallosek und Drescher, Graf Harro, Konsul Walder und Professor Billhardt berichten übereinstimmend: Die neue Golf Pro heißt zwar Daisy; zum Zeitpunkt der Sicherheitsübung war der Sicherheitsoffizier jedoch gar nicht mit ihr beim Probetraining, wie von unserm Nachbartisch kolportiert! Auch die Übung hatte nicht er angesetzt; den Alarm hatte Moritz Kienast eigenmächtig selber ausgelöst. – Gestern vormittag: Bei Windstärke 8 und entsprechend hoher Dünung, das Schiff stampfte beträchtlich, Verleihung der Hapag-Lloyd-Ehrennadeln: in Silber (für Gäste, die insgesamt 75 Tage an Bord verbracht haben), in Gold (150 Tage) und mit Brillant (365 Tage). Der Rekord steht derzeit auf über 2000 Tage (2 Personen); über 1000 Tage an Bord sind 42 Personen. Fonsä, Veit, Wolfi, Zenz, hebt’s gefälligst das Glas, denn Euer Fichtl Hannes war auch unter den Geehrten, immerhin 75 Tage ist er jetzt an Bord, nonstop, bekam die 6651. Silbernadel ans Revers! Ansprache des Kapitäns, Händedruck des Kapitäns, Photo gemeinsam mit dem Kapitän! Champagner! Unter den Geehrten leider auch der Schiffsschreiber: Als Herr Wöstenkühler, kaum daß ihm die Nadel mit Brillant überreicht worden, seinen Butler fragte, wo denn daran der Brillant sei, zückte der Schiffsschreiber schon Stift und Zettel; ich wette, daß er auch Herrn Wöstenkühlers Vorschlag aufschrieb, die Nadel demnächst mit Lupe zu überreichen. Wir alle wissen doch, Herr Wöstenkühler ist so weitsichtig, daß ihm sein Butler jeden Morgen die Zeitung vorlesen muß! Kann nur hoffen, daß der Schiffsschreiber nicht auch noch bei meinem Goldjubiläum dabeisein wird; habe ausgerechnet, daß es am 3. April soweit sein wird.

18.01.2007

Ein erster Blick: auf den Golfo de Tehuantepec

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27° C, N 4-5, 74%, leicht bewölkt


Von Gastsommelier Stéphane Gass, der in Progreso gemeinsam mit Harald Wohlfahrt zugestiegen ist, wird berichtet: Zusammen mit dem Schiffsschreiber, ausgerechnet, habe er sich beim gestrigen Tagesausflug nach Antigua zielstrebig von der restlichen Gruppe abgesetzt, um landestypische Weine für die nächste Verkostung an Bord zu kaufen. In der Tat wurde er fündig, fand zum vereinbarten Zeitpunkt der Abfahrt jedoch den Reisebus nicht mehr: Man sah die beiden schwer bepackt übers Kopfsteinpflaster des UNESCO-Welterbes hetzen, daß es seine Art hatte; es war Frau Igelbrink, die den beiden so plötzlich den Weg vertrat, daß der Schiffsschreiber stürzte – großes Geklirr – und sofort in ein unflätiges Gefluche über all die Rotweinflecken auf seiner Kleidung anhob. Daß er soeben ein kleines Vermögen zu Bruch hatte gehen lassen, schien ihm nicht des Fluchens wert. Frau Igelbrink, die mit dem Schrecken davonkam, beteuert, sie habe die beiden eigentlich nur darauf hinweisen wollen, daß sie in ihrer Panik schon mehrfach an den abfahrbereiten Bussen vorbeigerannt waren. – Bei der abendlichen Verkostung sorgte der Sommelier selbst für den Rest: Ausnahmslos jeder der erstandenen Weine, die ihm noch verblieben, waren oxidiert, die Händler in Antigua hatten ihn offensichtlich reingelegt. Über die bordeigne Webcam sah man ihn spätabends am Tresen der Sansibar, wie er schweigend neben dem Schiffsschreiber saß (und dieser schweigend neben Herrn Karasek, der die Kurve also letzte Nacht noch gekriegt hatte): Männer auf verlornem Posten.