06.02.2007 Aitutaki / Cook Islands

Ein erster Blick: auf „eines der Glanzstücke des Pazifiks“ (Tagesprogramm)? auf das „Gegenstück zu Tahitis Bora Bora“ (Reiseführer)? Wir werden’s nie erfahren, die Dünung am Riffdurchbruch ist zu hoch für unsre Tenderboote, wir müssen abdrehen.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27° C, NW 5, 85%, bedeckt


Auf unsrer Reise haben wir schon viele Friedhöfe gesehen; bisheriger Spitzenreiter: ein Dorffriedhof in El Salvador, vollkommen überdschungelt am Hang eines Vulkans, in der Dämmerung das Flittern der Plastikblumengirlanden auf den Gräbern eher unheimlich, dazu das plötzliche Knacken und Rascheln von frei herumlaufenden Kühen. Nun aber, auf Rarotonga, ein kleiner Friedhof direkt am Meer, die schlichten Zementsockelgräber – weiß getüncht, hellblau gestrichen oder gekachelt – hüfthoch ins Ödland hineinzementiert. Die Toten heißen hier Martin Takutaiti Ngaro Tuano Marama oder Metuatoto Kakometua (Koko) Tiahore, meist bestürzend früh gestorben, die letzten Worte, die man ihnen nachruft, lesen sich „Yaele la e ta mana tama“ oder „E Akamaara-Anga teia i to matou vouvou“. Auch hier bunte Plastiksträuße, dazu Nippes, Muschelketten. Auf einer der Marmortafeln, die bis in Augenhöhe schwarz aus dem Grab aufragt, das eingearbeitete Ganzkörperphoto des Toten, ein Bodybuilder, in aufgepumpter Posing-Haltung: Felix (Charlie) Tunganekore Jeanie Enoka, mit 47 Jahren gestorben, „A Champion in body / Sweet loving in mind“. In Gold- und Silberschrift über den gesamten Grabstein ein Hymnus auf den geliebten Mann und Vater, „He was pumpin, flexin, sweatin for the next ascension of victory“; sie kulminiert in der Versicherung: „The No. 1 contender. No pretender. You’ll always be our Father figure.“ Geht man die wenigen Meter zum Ufer hinab, so trifft man auf das Gegenteil eines Badestrandes: braune Brandung, Korallenbruch, zerfaulte Kokosnüsse, zerknitterte Coladosen, und laufend schickt das Meer neue Zweimeterbrecher gegen den Fels. Hier alt werden? Schwierig. Wie das Meer brüllen kann! Und wie leise man an seinem Ufer sitzt, den Friedhof im Rücken, und dunkle Wolken über sich hinwegziehen läßt.

05.02.2007 Rarotonga / Cook Islands

Ein erster Blick: in den Südseeregen

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 26° C, OSO 2, 84%, bedeckt


Professor Billhardt hat in der Bordbibliothek die Autobiographie eines gewissen Heiner Lauterbach entdeckt, aus der er uns während der gestrigen „Träumereien zur Kaffeestunde“ („Frischer Kaffee, hausgemachter Kuchen und sanfte Träumereien am Klavier“) vorlas, zum Teil mit erhobenem Finger: Dieser Lauterbach kommt darin nämlich auch auf die EUROPA zu sprechen, anscheinend war er seinerzeit mit einer ganzen Gruppe von Schauspielern an Bord, die ihre Hauptaufgabe darin sahen, sich bei jeder Gelegenheit danebenzubenehmen. Lauterbach räumt ein, daß sich etliche der Passagiere ihrer – der Schauspieler – Art des Humors nicht hätten anschließen wollen; als Beispiel berichtet er von einer der Schauspielerinnen, die verspätet zum Empfang auf der Brücke erschien und sich dann auch noch über die Offiziere lustig machte: Sie habe bis jetzt auf dem ganzen Schiff gesucht, aber leider keine Brücke gefunden. An dieser Stelle tastet Professor Billhardts Hand nach unserm Tischwimpel, seine Stimme überschlägt sich fast, als er vom Ende des fraglichen Kapitels zitiert: „Natürlich waren auch nette Leute auf dem Schiff.“ Herr Drescher: „‚Auch’? Will er damit sagen, daß …?“ Konsul Walder: „Eine Ohrfeige für jeden, der sich als ordentlicher Passagier eingebucht hat.“ Sogar Sarah läßt sich ausnahmsweise mal zu einem Kommentar hinreißen, „Who the fuck is Lauterbach“. Am Ende mit überwältigender Mehrheit beschlossen, das Buch zu entwenden und über Bord zu werfen; dazu Professor Billhardt: Natürlich gebe es ##auch## mittelmäßige Schauspieler, die sich durch mittelmäßige Bücher wichtig machen wollten. Aber daß die Bücher dann auch noch auf unsrer EUROPA (er sagte tatsächlich „unsere EUROPA“) zur Lektüre angeboten würden, sei eine Überstrapazierung von Toleranz.

04.02.2007

Ein erster Blick: auf den 92. Sonnenaufgang – Halbzeit!

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 28° C, NW 2-3, 72%, bewölkt


Bergfest! Um null Uhr der vergangnen Nacht waren wir genau 92 Tage an Bord, weitere 92 liegen vor uns. Um den Anlaß gebührend zu feiern (mit Kaviar und Champagner darf uns keiner mehr kommen), prosteten wir uns mit ganz gewöhnlichem Sansibar-Pils bzw. -Weißbier zu; sogar Wostock war wieder wie ausgewechselt, entschuldigte sich sogar seinerseits bei Moritz Kienast. Den wir übrigens, man sagt ja nichts, man denkt ja nur, zum wiederholten Male mit Frau Igelbrink am Tresen sahen. Zu vorgerückter Stunde eröffneten uns die Walloseks, daß sie inkognito an Bord sind, keiner ihrer Verwandten dürfe wissen, daß sie sich auf Weltreise befänden, erst recht nicht, auf welchem Schiff. Offiziell seien sie derzeit mit dem Wohnmobil in Neuseeland unterwegs, open end, möglicherweise anschließend auch noch in Australien. Zwecks besserer Tarnung geben sie abreisenden Passagieren Briefe an ihre Kinder mit, in denen sie fiktive Reiseerlebnisse schildern. Vor Jahren hätten sie den Fehler gemacht, die EUROPA-Wahrheit zu „gestehen“, wie es Frau Wallosek ausdrückt; prompt hätte man sie beschuldigt, das Erbe zu verprassen. Seither unternähmen sie erst recht weitere Erbminderungsreisen, für ihre nächste Weltumrundung 07/08 haben sie sich bereits dieselbe Kabine reservieren lassen. – Als sie zu Ende erzählt haben, outet sich auch Herr Drescher als Undercover-Weltreisender, der Neid seiner Mitbewohner habe ihm die letzte Fahrt fast nachträglich vergällt. Daß am Ende auch Immobilienjongleur P. zu erkennen gibt, daß er heimlich reist, hat natürlich andre Gründe. Noch immer geht er davon aus, daß er in jedem Hafen verhaftet werden könnte, spätestens am 7. Mai, wenn unsre Reise in Genua zu Ende gehen wird. Noch 91 Tage und der Rest von heute!

03.02.2007 Papeete / Tahiti

Ein erster Blick: auf die Hauptstadt von Französisch-Polynesien. Die Privatyachten sind hier also auch nicht kleiner als in der Karibik.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 28,5° C, NO 4, 75%, leicht bewölkt


Die Hostess. Heute verläßt sie unsre Hütte, nachdem sie bei der Abschluß-Gala noch einen gewaltigen Auftritt hingelegt hat. Zunächst lief alles wie gewohnt, der Käptn versteigerte die Seekarte, nicht ohne das Einholen der Gebote durch geschicktes Abspulen von Seemannsgarn anzuheizen, der geborene Entertainer. Bis zum Stande von 8500 Euro war er beim Dorschfischen in der Arktis mit dem Hot Man, „Für die UNESCO, für den guten Zweck“. Als freilich die Hostess den Arm hebt, nicht etwa im Auftrag eines Gastes, sondern in eigner Sache, ist er baff: „8600 Euro, richtig?“ Denn das gab es noch nie, der Käptn vermutet, die Hostess habe zuviel verdient an Bord: „Wußte gar nicht, daß Hapag-Lloyd so gut zahlt.“ Hostess: „Tun sie auch nicht!“ Woraufhin der Käptn schleunigst seine Anglergeschichte weitererzählt, dem nächsten Gebot entgegen, das tatsächlich auch kommt, 9000 Euro, Tusch. Doch die Hostess legt unverzüglich nach, 9100 Euro! Tonio Kröger, von hinten: „Das meint sie nicht so.“ Hostess, ebenfalls von hinten: „Doch, das meint sie so.“ Und damit erwirbt erstmals in der Geschichte der EUROPA? der Hapag-Lloyd-Flotte? der Kreuzschiffahrt schlechthin? ein Besatzungsmitglied die Seekarte, herzlichen Glückwunsch. Beim Überreichen derselben erneute Vermutungen des Käptns, ob die Hostess wohl gerade ihren Gehaltsscheck bekommen habe oder ob er was borgen solle. Die Hostess winkt ab, für karitative Zwecke habe sie als südafrikanische Geschäftsfrau „immer ein Konto“, und jetzt … solle der Käptn die Karte, die sie hiermit an ihn zurückgebe, bitte erneut versteigern, „für mich und für Afrika“. Die Karte bringt weitere 8000 Euro (ein anonymer Spender legt nachträglich das Doppelte drauf) – und wahrscheinlich ein Nachspiel für die Hostess; im Atrium, beim anschließenden Shantysingen, meinte uns Professor Billhardt belehren zu müssen, daß derlei „für Crew-Mitglieder verboten“ sei. Frau Stäblein: „Und wenn schon! Ein Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde ist ihr sicher.“

02.02.2007 Moorea / Gesellschaftsinseln

Ein erster Blick: auf die, so sagen Kenner, schönste Insel der Welt

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27° C, O 4, 82%, leicht bewölkt


Also der Russe. In unserm Fall ein gewisser Wostock, der sein Vermögen nach dem Zusammenbruch der UdSSR mit dem Vertrieb von Schweineohren machte: Er bezog sie in Fernost und verkaufte sie im europäischen Raum dann wahlweise als Döner, Putenbrust oder, im ungünstigsten Fall, als Hundefutter. Seit Acapulco sitzt er abends in der Sansibar, an seiner Seite eine platinblonde Begleiterin, Deckname Natascha, und setzt dort alles daran, Melancholie durch gezielte Eruptionen von Frohsinn zu unterstreichen. Daß er dabei die bekannte Gläserwurfnummer gibt, entlockt dem Barkeeper nicht mal mehr ein müdes Lächeln, die russischen Partisanenlieder kennt er mittlerweile auch. Bei der gestrigen „Wave Runner Tour“ um Bora Bora ist es freilich passiert: Wie unsern Tagesausflüglern das eine oder andre Schwein entgegenkam, das im flachen Gewässer der Lagune nach Leckerem schnorchelte, gerieten wir auf unsern Jetskis schon gewaltig ins Schleudern; dann freilich, hinter einer Felsnase wie eine Apocalypse-Now-Formation horizontfüllend entgegenbrausend, der Betriebsausflug unsrer EUROPA-Crew. Es war kein andrer als Moritz Kienast, der das Pech hatte, Wostock mit seinem JetSki zwar gerade noch ausweichen zu können, nur jedoch, um auf denjenigen seiner Begleiterin zu prallen. Und, vielleicht unter Schock, nach einer kurzen Pause der Besinnung einfach weiterzufahren, seinen Kollegen hinterher, während Natatscha noch heulend im Wasser stand und nach ihrem Dior-Täschchen suchte. Als der nautische Offizier am Abend in der Sansibar vorstellig wurde, um sich endlich zu entschuldigen, ließ ihn Wostock gar nicht erst zu Wort kommen, stürzte sich vielmehr mit einem gurgelnden „Brbschnew!“ auf ihn. „Unser Moritz“ (wie ihn Frau Igelbrink nennt) konnte sich nur durch einen gezielten Tritt ins Unerlaubte aus seinem Würgegriff befreien. Noch auf dem Weg in die Ausnüchterungszelle schwor Wostock Rache; unsre Damen sind besorgt.

01.02.2007 Bora Bora / Gesellschaftsinseln

Ein erster Blick: auf den Mount Otemanu, 727 m hoch, das Zentrum von Bora Bora

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 26,5° C, OSO 4, 81%, heiter


Taka-Tuka-Klischees, Teil 2: Die Fläche des Rangiroa-Atolls größer als ganz Tahiti, das Riff jedoch nicht breiter als ein Kochtopfrand, professionell mit den gängigen Südseemotiven versehen. Austendern zur Strandparty – Freibier, Grillwurst, Live-Musik! Zur Abkühlung dreißig Grad warmes Wasser in reinem Türkis; Frau Wack zerschnitt sich arg die Füße an abgesplitterten Korallen, indem sie – barfuß! – am Ufer hin und her watete, um auch hier die Leute vom Schwimmen abzuhalten. Wenige Meter weiter ließ sich Herr Opitz, auf dem Rücken im seichten Wasser treibend, von zwei unsrer schönsten Weindüsen (heute in Bikini und Palmblattrock) in weitem Bogen synchron Cocktails in den Hals gießen, jedenfalls das, was unter viel Gelächter irgendwann auch in seinen weit aufgerissenen Rachen hineintraf. Womit sein Traum von der Südsee, so bekundete er noch, während wir längst wieder weiterfuhren, zur nächsten Insel, auf wunderbarste Weise heute in Erfüllung gegangen war. – Etwas seltsam, daß uns derselbe Hellmuth Opitz zum Abendcocktail im Atrium den Wortflüsterer gab – unser Bordpianist (mit schwarzweißer Klaviertastenkrawatte!) improvisierte selbst dazu gewohnt professionell. Wie er da im dunklen Anzug vor uns stand, immerhin einer der größten Schrotthändler Norddeutschlands und vor wenigen Stunden noch derart glücklich angetrunken, daß ihn Konsul Walder links und Graf Harro rechts unterfassen und ins Schlauchboot hieven mußten; wie er da am Rande des Sagbaren stand, schwankend wie in seiner Stammkneipe, und sich mit versiegender Baßstimme Schilfgewisper aus der Kehle schabte („Alles muß raus“), das hatte schon wieder was: „Nur auf Nichtgesagtes / ist jetzt noch Verlaß.“ Man schwieg ergriffen, applaudierte dann umso lauter.

31.01.2007 Rangiroa / Tuamotu

Ein erster Blick: auf die Einfahrt ins Rangiroa-Atoll. Linksrechts beginnt dann auch schon die bekannte Palmentapete.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 28° C, OSO 5, 75%, heiter


Fonsä, Veit, Wolfi, Zenz! Der Fichtl Hannes dankt recht artig für Eure Postkarte; meine Kabinendüse, die Lena, kann sich freilich gar nicht vorstellen, daß Oberviechtach in Wirklichkeit sogar noch schöner ist. Daß ich die Tage manchmal heimlich zähle, bis ich mit Euch wieder im „Adabei“ sitze, hingegen schon! – Sorgen müßt Ihr Euch freilich keine um mich machen; der Noro-Virus, der zur Zeit auf der QUEEN ELIZABETH 2 grassiert (gibt es eigentlich schon Tote?), ist von unserm Hot Man kurzerhand verboten worden, im übrigen würden wir ja wenigstens in goldne Schüsseln speien. Und was das Verschwinden von Personen betrifft: Der aktuelle Fall auf der QUEEN ELIZABETH 2 ist uns natürlich bekannt; aber daß es, die andern Kreuzfahrtschiffe mitgezählt, „mindestens 17 im vergangnen Jahr“ sind, die auf mysteriöse Weise über Bord gingen, hätte ich nicht gedacht. Sauber! Frau Schachtlmacher darf in Eurer ’07er-Statistik allerdings nicht mitgerechnet werden, leider. Erstens wird bei uns regelmäßig durchgezählt, auf daß keiner abhanden kommt; und zweitens hat unser Hafenagent herausgefunden, daß die Schachtlmacherin nach ihrer Mitwirkung bei der Gastfolkloregruppe mitnichten in den Kochtopf gewandert ist! Sondern in die Arme eines der Kriegs-, Vogel- und Schweinetanztänzer: Obwohl er erst dreizehn Jahre alt sein soll, ist sie wohl wild entschlossen, sich mit ihm zu verehelichen. Daß sie, neben Gauguin, ein weiteres „Haus der Freude“ auf den Marquesas errichten und ihre bisherige Berufung, die Malerei, zum Beruf machen möchte, nehmen wir mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Ausgenommen unser Bordbojenbemaler Nawrath: Sie sei eine Zumutung gewesen, allein schon ihr exzessives Herumgekleckse, von der Pinselhaltung ganz zu schweigen.

30.01.2007

Ein erster Blick: auf Französisch Polynesien, zwischen Marquesas (links) und Gesellschaftsinseln (rechts)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27,5° C, O 5-6, 75%, leicht bewölkt


An einem Seetag wie diesem drängt sich alles rund um den und erst recht im Pool auf dem Lido-Deck; wenn sich so gegen eins, halb zwei alle beruhigt haben und dem stillen Geschäft des Verdauens obliegen, dann schlägt die Stunde des Herrn Hellmuth Opitz. Zugestiegen in Acapulco, ist er, von Beruf Schrotthändler ##und## Lyriker (selber stellt er sich in anderer Reihenfolge vor; er soll ein Gedicht auf Kaffeebohnen verfaßt haben: „Jungs, es wird ein heißer Tag heute. / Einige von euch werden nicht / zurückkommen …“), vor allem ein begnadeter Stimmenimitator. In der Stunde des großen Mittags begibt er sich gern ins Duschhäuschen am Pool – möglichst unauffällig, um die Ordnungshüter der Nichtschwimmerfraktion nicht auf sich aufmerksam zu machen –, und gibt von dort, den Schalltrichter des Duschgehäuses wie einen Verstärker nutzend, in etwa folgende „Durchsage“: „Einen wunderschönen Nachmittag, meine sehr verehrten Damen und Herren, eine kurze Durchsage von der Brücke, ihr Kapitän …“ Da er dessen Stimme und Tonfall täuschend echt zu imitieren weiß und das metallne Duschgehäuse einen Klang erzeugt, als käme das Gesagte aus einem der Bordlautsprecher, spitzen alle die Ohren; und wenn sie dann hören: „Steuerbordseitig begleitet uns gerade eine Schule Tümmler“, so springen sie bereits eifrig, um an der verglasten Außenwand des Decks den Anblick der Tümmlern zu erhaschen. Doch schon meldet sich erneut der Kapitän von der Brücke bzw. Herr Opitz aus der Dusche: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, nun sind sie backbord“. Woraufhin die Schaulustigen auf die andre Seite eilen, die Schlausten von ihnen sogar vor in den Bug, um auch für Delphine und Wale gerüstet zu sein. Unbemerkt von den anderen Passagieren verläßt derweil Herr Opitz die Dusche und zieht zufrieden ein paar Bahnen im menschenleeren Pool. Ein wunderbarer Schrotthändler.

29.01.2007 Atuona / Hiva Oa

Ein erster Blick: auf die Taaoa-Bucht. Irgendwo unterm Nebel soll das Grab von Gauguin sein.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27,5° C, O 7, 75%, heiter (?)


Also von wegen Menschenfresser. Der Immigration Officer mit verwelktem Blumenkranz, am Strand ein einziges Auslegerkanu, kaum einer tätowiert. Statt dessen Asphaltstraßen samt Mittelstreifen, jedenfalls sobald die Paßhöhe zur Nachbarbucht erreicht, sogar ein Kreisverkehr – „Wie in Oberviechtach“ –, sämtliche Erwartungen enttäuscht. Sonntagsgottesdienst, Gebete abwechselnd auf Marquesanisch und Französisch, volles Haus. Drei Gitarristen, schöne Gesänge: „O te koekoe toitoi / O to mua puku o te maama / Mei io te Etua mai / Te koekoe vai’ei i te mo’u“. Unser Entertainment Manager davon so ergriffen, daß er sich zu einem späten Oblatenfrühstück hinreißen ließ. Und fürs Abendprogramm eine Folkloregruppe namens Tehenamotohaka von der Insel engagierte: mit Schilf und Hüfttuch verkleidete Studenten, die ihre Trommeln erbarmungslos mit Handkantenschlägen traktierten, allerhand Kriegsgeschrei ausstießen, mit den Hüften kreisten. So richtig Stimmung kam in die Hütte, als sie einige der Zuschauer zum Mitmachen akquiriert hatten; insbesondre die fette Frau Schachtlmacher ging dabei richtig ab, versuchte, es den „Eingeborenen“ (Immobilienjongleur P.) gleichzutun. Die gesamte Europa-Lounge klatschte im Takt mit, wie sie, gemeinsam mit ihrem einheimischen Partner, erst Kriegs-, dann Vogel- und schließlich sogar Schweinetanz zur Darbietung brachte, letzterer eine Art Atmungstanz auf allen Vieren – „Ho-ho-hey / Hm-Hm-hey“ –, in dessen Verlauf sie von sämtlichen Mittänzern immer enger eingekreist und, das Ende der Show, unter allerhand kannibalistischen Tanzeinlagen hinter den Bühnenvorhang geleitet wurde. Wüste Spekulationen während des anschließenden Abendessens; wenn man sie tatsächlich von Bord gebracht haben sollte, so Konsul Walder, dann brauche man sie wenigstens nicht erst lange zu mästen. Also von wegen Menschenfresser.

28.01.2007 Taiohae / Nuku Hiva

Ein erster Blick: Land!

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 27° C, OSO 5, 78%, heiter


Nach sechs Seetagen endlich wieder Land in Sicht, morgens um Fünf ein Menschenauflauf im Bug, man blitzt wild mit den Kameras ins Dunkle, um wenigstens im nachhinein etwas zu erkennen. Professor Billhardt: Kein Wunder, ein Teil der Insel wurde in mythischen Zeiten bereits gestohlen, weil auf einer anderen Insel gebraucht. Schließlich Dämmerung, ein Schwein schwimmt vorbei („Huch!“ „Oder was war das?“), vor uns, schemenhaft, tauchen die wilden Vulkane der Marquesas auf, jedenfalls das, was die sagenhaften Diebe für uns übrigließen. Frau Stäblein läßt jeden wissen, der es nicht hören will, daß dort „die Menschenfresser auf uns warten“, von Bord gehen werde sie nicht. Graf Harro: An einer wie ihr sei ja „kaum was dran“, da lohne Kannibalismus doch gar nicht. Unser Lektor, Knut Edler von Hofmann, wirft ein, man hätte hier ##jeden## Gefangenen einer systematischen Mästung unterzogen, ehe er geschlachtet wurde, insofern wäre auch Frau Stäblein nicht vor dem Verzehr geschützt. Menschenopfer zwecks Regenerzeugung. Oder zwecks Bewirtung von unverhofftem Besuch, Ergänzung eines Gala-Diners, bei Hühnerfleischallergie. Besondere Leckerbissen: Daumenballen, Zehen, Darm, Augen. Unser Bordpianist, der bislang bloß stumm den Kopf über uns geschüttelt hat, leckt sich plötzlich die Lippen: Er jedenfalls freue sich auf die Menschenfresser – und werde selber einen von ihnen fressen. Allerdings nur, wenn es sich um eine Menschenfresserin handele. Einig sind wir uns nur in einem Punkt: Von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Südseeinsulaner werden wir uns nicht täuschen lassen.