18.12.2006 Ocho Rios / Jamaika

Ein erster Blick: auf den Kai von Ocho Rios. Der Zolldirektor erwartet uns bereits.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 25,5° C, SO3, 89%, bewölkt


Karibische Entgleisungen III: Der ominöse Hund in Herrn Dreschers Nachbarkabine soll ein Dackel sein, der im Handgepäck als blinder Passagier eingereist ist. Auch heute wird der Zimmerservice mehr oder wenig heimlich Küchenabfälle beibringen müssen, der Hund soll freilich bissig sein. – Der Seebestatter hat nach eignen Angaben einen Koffer über Bord geworfen, seine Standardmethode, um die Strömungsverhältnisse zu testen; er will sich heute einen Satz neuer Koffer kaufen, Jamaika sei Billigkofferland. – Die Kipp-Oehljeklaus hat auf den Bahamas einen Feng-Shui-Meister zusteigen lassen, weil sie neuerdings eine problematische Wasserader unter ihrem Bett spürt. Der Meister will den heutigen Seetag nutzen, um ihr die Penthouse-Suite nach seinen Kriterien umzurüsten. Daß die Meise der Kipp-Oehljeklaus den Häschern der US-Gesundheitsbehörde entkommen ist, bereitet inzwischen auch dem Bordfriseur Sorgen; er übt heimlich an der Buchsbaumdeko. Heute jedoch wird die Kipp-Oehljeklaus erst einmal von seinem Kollegen im benachbarten „Ocean SPA“ empfangen: Lotus-Ölmilchbad mit anschließender Aromaöl-Ganzkörpermassage! Er verspricht, dazu einen persönlich gebrühten Wellness-Tee zu servieren; seine Mitarbeiterin wird auf dem Mundstück eines Hoover-Staubsaugers Flötenmusik beisteuern, „ein unvergeßliches Erlebnis“ (ca. 90 Minuten, 120,- Euro).

17.12.2006

Ein erster Blick: auf Great Inagua Island, Bahamas (hinterm Meeresglitzern)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 24° C, NO 3, 48%, teilweise bewölkt


Ein Schock aus heiterem karibischen Himmel: Die US-Behörden verbieten uns mit einem Mal, kubanische Häfen anzulaufen, wenn wir je wieder in den USA anlanden wollen! Warum? Darum. Während die Passagiere in Schlauchbooten zum Strand gefahren werden, um ihre Enttäuschung an einem Bockwurst-Barbecue zu kompensieren, wird hinter den Kulissen heftig telephoniert, um eine Umroutung auszuschwitzen. Konsul Walder belästigt jeden mit dem Vorschlag, ersatzweise die US-Militärbasis Guantánamo Bay ins Programm zu nehmen. – Karibische Entgleisungen II: Auf der gestrigen Inselrundfahrt, zu der Frau Stäblein ihren Bridge-Zirkel eingeladen hatte, stießen sie just am Kolumbus-Denkmal (Entdeckung Amerikas! Hier!) auf unsern völlig erschöpften Schiffsschreiber. Er hatte versucht, die Insel im Laufschritt zu umrunden – ohne Wasser, ohne Kappe, ohne leiseste Ahnung, wie lang der Weg trotz allem war. Typisch Schriftsteller! Die Damen untersagten ihm kurzentschlossen, sein Unternehmen fortzusetzen, und zwangen ihn, in ihrer Stretchlimousine Platz zu nehmen. Er soll ihnen dort alles weggetrunken und sich anschließend in Fahrtrichtung durchs Buffet gefräst haben, vom Rücksitz bis zum Führerhaus. Die besorgten Damen vermuten, er habe sich einen Sonnenstich eingehandelt; meiner Meinung nach hat er ihn längst.

16.12.2006 Cockburn Town / S. Salvador / Bahamas

Ein erster Blick: auf eine der dreitausend bahamaischen Inseln. Bloß welche? San Salvador?

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 24,5° C, NO 1, 85%, teilweise bewölkt


Die Karibik: Feuchte Luft, drückender Himmel, der eine oder andere bereitet vorsichtig seine erste Entgleisung vor. Bereits vorgestern jagte man uns (anstelle eines konventionellen Feuerwerks) zum Auslaufen ein Transformatorenhäuschen in die Luft, zwanzig Meter hoher Feuerpilz über Port Everglades, Aufheulen sämtlicher Feuerwehrsirenen – großer Bahnhof. Moritz Kienast grüßte vor Begeisterung so oft mit der Schiffssirene, daß kohortenweise Passagiere in Rettungswesten zu den Sammelplätzen eilten. Gestern, auf der Uferpromenade in Nassau, ein Saxophonspieler, der bei annähernd dreißig Grad „Leise rieselt der Schnee“ spielte. Auf dem Forward-Mooringdeck die ganze Nacht über Filipinos beim Grillen, Abteilung Deck, Wäscherei, Maschine: Karaoke-Singen um die Wette, der Müllmann riß mit seiner Darbietung zu Begeisterungsstürmen hin, die bis zu uns hoch aufs 8er-Deck brausten. Einer der neuen Gäste führt sich reihum als Seebestatter ein, ein anderer versucht uns weiszumachen, er habe seinen Hund durch alle Kontrollen bis in die Kabine geschmuggelt. Ausgerechnet der schwerhörige Herr Drescher, der zufällig die Nachbarkabine bewohnt, will den Hund schon bellen gehört haben. Und der neue Gästebetreuer? Stellt sich jedem als Tonio Kröger vor. Das ist nicht zu toppen.

15.12.2006 Nassau / Bahamas

Ein erster Blick: aufs Staatsgebiet der Bahamas

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 24,5° C, S 5, 84%, teilweise bewölkt


Meeres-Oskar! Der „Berlitz Cruise Guide“ verleiht der EUROPA seit Jahren „Fünf Sterne plus“, „Stern’s Guide to the Cruise Vacation“ in diesem Jahr gar „Six stars plus“; nun zieht die „American Academy of Hospitality Sciences“ nach. „Unsre Hütte“ (Graf Harro) ist somit das einzige Hotel mit sechs Sternen; Grund genug, mal wieder Champagner auszuschenken. Einladung sämtlicher Academy-Mitglieder in die Europa Lounge, Big Boss der Reederei extra von Hamburg aus eingeflogen, begleitet von der Produktmanagerin. Also gut. Unterbrach mein gestriges Kabinen-Zen, um dem Festakt beizuwohnen. Kaum hatte Big Boss mit seiner Rede angefangen, ertönte eine Kavalleriefanfare, offensichtlich ein recht spezieller Klingelton, der stetig lauter wurde, eine Mischung aus Bonanza und Halali-Hase-tot. Verstohlnes Umherblicken. Plötzlich griff Big Boss höchstselbst in die Sakkotasche, um sein Handy hervorzuziehen; anstatt den Anruf jedoch verlegen wegzudrücken, nahm er das Gespräch auch noch an! Das einzige, was wir davon verstehen konnten, ein flehendes „Nicht jetzt, Engelchen“, „Später, Engelchen“; unsre Feierstimmung war jedoch dahin. Es half auch nicht mehr viel, daß sich die Produktmanagerin beim anschließenden „Tanz mit den Evergreen Juniors“ die Pumps von den Füßen streifte und, kess mit ihrem Baströckchen hin und her wippend, die betreten zu Boden schielenden Academy-Mitglieder zu animieren suchte. Allgemeine Erleichterung nach Aufkürzen der Leinen, als mit dem Ablegen Punkt 22 Uhr wieder der ganz normale Fünfsterneplus-Alltag einkehren durfte.

14.12.2006 Fort Lauderdale / Florida

Ein erster Blick: auf zwei von wievielen? Kreuzfahrtschiffen, die schon vor uns festgemacht haben

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 24,5° C, OSO 6, 84%, Regen


„Embarkation“: Für etwa zweihundert Passagiere geht die Reise heute morgen schon zu Ende, für zweihundert fängt sie heute nachmittag erst an. Auch dreißig Crew-Mitglieder verlassen das Schiff, darunter etliche der Hauptverdächtigen. Fasthuber bleibt, verweigert Auskünfte. Sir Alex beantwortet Nachfragen mit seinem angetackerten Dauergrinsen; ab morgen wird er als „Magic Manfred“ im Showprogramm auftreten. – Bin mit den anderen Weltreisenden zu einer Fahrt ins Exklusive eingeladen, Stretchlimousinen, abgedunkelte Scheiben, Fahrtroute geheim. Das Ziel: Palm Beach, eine Art Club der Milliardäre, Aufnahmegebühr 150.000 $, Vorsitzender Donald Trump. Dort Kaviar-Whopper. Werde trotzdem an Bord bleiben, abwarten, hinunterlauschen in den Bauch des Schiffes. Dorthin, wo Anna einsam vor sich hinzittert, um uns mit Strom zu versorgen; sofern alles nach Plan verläuft, wird um 21:45 Uhr – kenne die Abfolge der Ereignisse mittlerweile – Berta zugeschaltet werden, ein Ruck durchs ganze Schiff. 22 Uhr, endlich, sanftes Abstoßen vom Kai mithilfe des Bugstrahlruders, vorsichtige Drehung um die eigne Achse, Finden der Fahrtrichtung. Und schließlich, größtes Glück, das entschlossene Zuschalten von Cäcilia; mit Dora schließlich auch des vierten Motorblocks: 30 Zylinder Volldampf voraus. Rauschen des Meeres, Vibrieren des Schiffsrumpfs. Alles andere: stört.

13.12.2006 Jacksonville / Florida

Ein erster Blick: auf die Nebel rund ums Cruise Terminal von Jackson; 15 km weiter soll es dazu eine gleichnamige Stadt geben.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 19° C, kaum Wind, 75%, teilweise bewölkt


Welch unvergeßlicher Abend! Schon die „Große Farewell-Gala“ in der Europa Lounge von entschiedener Feierlichkeit, die gute Frau Wallosek sogar mit einer Leihbrosche vom Bordjuwelier geschmückt. Kluge Worte des Kapitäns. Im Anschluß die traditionelle Auktion der Seekarte, diesmal zugunsten von „Kielschwein gehabt e.V.“, den Konsul Walder im Auftrag von Frau Stäblein im Eilverfahren beim Hamburger Amtsgericht hat eintragen lassen. Der Zuschlag ging für 85.000 € an eine anonyme Bietergemeinschaft (der Rekord liegt auf der EUROPA, so Fasthuber, bei 150.000 €). Schließlich der Mannschaftschor mit einem besinnlichen Seemannsliedermedley, „Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“; mit einem verhalten intonierten „Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht …“ leitete der dirigierende Erste Offizier über zum abschließenden Teil: In schweigender Prozession begaben wir uns aufs 9er-Deck, nach einem Segenswort des Bordpastors wurde Nawraths Trauerboje zu Wasser gelassen. Verhaltener Prostest einiger Passagiere, die sie als zu farbenfroh empfanden; Nawrath konnte sie jedoch überzeugen, daß im vorliegenden Fall nur durch Buntheit Pietät ermöglicht werde, auch eine Trauerboje müsse ja erst einmal gesehen werden. Als sie auf dem Wasser aufklatschte, allgemeines Geschneuze. Während der abschließenden Schweigeminute will Graf Harro gesehen haben, daß der Hot Man mit den Kiefern malmte.

12.12.2006 Savannah / Georgia

Ein erster Blick: auf eine kleine Insel im Hafen von Charleston.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 9,5° C, NNO 2, 90%, wolkenlos


Sind wir etwa drin? Wir sind drin. Die Coast Guard verhaftete nur einen einzigen Passagier, der bei der Befragung durch den Immigration Officer nicht laut genug „Yes, sir“ geantwortet hatte; seine Kabine wurde im Kreuzfahrtterminal sofort an den nächstbesten Standby-Passagier weiterverkauft. Insofern: Die erste Einreisehürde ist genommen. Aber können wir uns darüber freuen? Nein! Sind uns einig, daß das kleine weiße Kreuz gestern noch nicht dagewesen war. Anhaltende Debatte auf allen Decks, wer als der Verantwortliche anzusehen ist. Die Schafherde ist uns egal. Aber unsre Kielschweine! Frau Stäblein hat den Küchenchef im Verdacht, Dieter Drescher den Sicherheitsoffizier. Das Ehepaar Wallosek aus unerfindlichen Gründen die Leitende Hausdame. Immmobilienjongleur P. vertritt die These, die Tiere seien schon vor Tagen mit Polonium 210 radioaktiv verseucht worden und eines qualvollen Todes gestorben; er selber habe lang genug „Gesangskontakte zu den Donkosaken“ unterhalten, wisse, „wie man so was macht“ („Nicht alles im Leben läßt sich mit Schwarzgeld regeln“). Abwegig! Der Hauptverdacht muß natürlich auf den Hot Man fallen; daß er übermorgen von Bord gehen wird, darf als weiteres Indiz gewertet werden. Kleiner Trost: Bordmaler Nawrath will gemeinsam mit seinen Schülerinnen eine Trauerboje gestalten und im Rahmen des heutigen Gala-Empfangs vom Bordgeistlichen weihen lassen. Die Boje soll keinerlei Namen tragen, nur ein schlichtes „Unvergessen“.

11.12.2006 Savannah / Georgia

Ein erster Blick: auf den Himmel über den amerikanischen Hoheitsgewässern

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18° C, N 2, 57%, teilweise bewölkt


Vormittags: Erholen vom gestrigen Adventsmarkt. Insbesondere der Wodka-Eisbar. Der Punschtonne. Der Mai-Tai-Maschine. Sich fragen, ob wir wirklich alle (sogar Graf Harro und Konsul Walder!) „O du fröhliche“ angestimmt haben. Ob der Kapitän dazu tatsächlich eine Zipfelmütze trug. Der Frage nachgehen, wie der Schnee auf die Budendächer kam; meine mich zu erinnern, daß gegen Mitternacht sogar ein leichtes Schneetreiben vom Penthouse Deck her einsetzte. Ob am Pool mittlerweile gestreut ist? – Jedenfalls um 16 Uhr: Festmachen in – Charleston! Die US-Behörden haben uns kurzfristig das Anlanden in Savannah untersagt und das Schiff umgeleitet, ein schlechtes Omen. Ob die Abgesandten der Gesundheitsbehörde ähnlich rigoros vorgehen werden? Angeblich schrecken sie bei der Durchsuchung von Pumpensümpfen nicht mal vor dem Imitieren von Lockrufen zurück. Sir Alex blickt so, als habe er alles im Griff, der F & B Manager sowieso. Und die Schafherde? Jedenfalls nicht mehr auf dem Mooringdeck. Fasthuber hat Andeutungen gemacht, sämtlichen Tieren gehe es „den Umständen entsprechend gut“, sie seien „an sicherem Ort und wohlauf“. Bleibt nur noch die Meise der Kipp-Oehljeklaus; sie soll beim „Sail-in“ als „Orientalischer Taubensalat“ auf den Außendecks serviert werden.

10.12.2006

Ein erster Blick: auf den Atlanik

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 16°C, N 5, 66%, teilweise bewölkt


Zweiter Advent – im Schiff verteilt sechs Adventskränze, einer davon angeblich in der Sauna. 21:30 Uhr Eröffnung des Christkindlmarkts rund um den Lido Pool, der Gästebetreuer als Weihnachtsmann verkleidet. Oder als Santa Claus? Mittlerweile fiebert jeder, vom Käptn bis zum Smutje, den US-Gesundheitsbehörden entgegen, die ab morgen das Schiff durchkämmen werden; auf allen Decks herrscht permanent Kehrwoche. Die Matrosen sind dennoch konzentriert, seit Tagen putzen sie die Armaturen der Schiffszimmerei. Einer der Filipinos soll gesehen worden sein, wie er die Lenzpumpen mit iranischem Ossetra-Kaviar direkt aus dem Silberpokal heraus gefettet hat. Der Trüffelchef hat angeordnet, auch die kleinste Knolle zu verschaben und den Gästen ungebeten über Vor-, Haupt- und Nachspeisen zu streuen, „das Zeug“ müsse weg. Moritz Kienast hat in seinem Eifer den Kompaß leergetrunken, auf daß man darin nicht den Alkohol moniere. Heute muß er zur Strafe auf den Peilmast klettern, um die Schiffssirene nachzustimmen.

09.12.2006 St. George / Bermudas

Ein erster Blick: nicht etwa auf St. George, sondern weiterhin auf den „Great Sound“ von Hamilton. Zu viel Wind, zu wenig Sicht, der Lotse weigert sich, mit uns auszulaufen.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 21°C, N 3, 68%, bewölkt


Schoko-Dieter ist frei! Rechtzeitig vor dem 2. Advent hat man ihn wieder mit seinem alten Aufgabengebiet betreut, er will heute sofort mit dem Einschmelzen von Nikoläusen im schiffseignen Schokohochofen beginnen. Morgen abend soll es im Europa Restaurant zum Nachtisch „Mohr im Hemd“ geben; für den Adventssonntag ist dann wieder der Klassiker auf die Karte genommen worden, diesmal als „Süße Symphonie von Valrhona Intensivschokolade mit Vanilleeis und Amaretto-Sabayone“. Wegen der zu erwartenden Nachfrage wird sie auf Lebensmittelkarte verteilt. Professor Billhardt hat sich bereits zwei Wertgutscheine besorgt, man munkelt, daß er dazu den Maitre d’Hotel bestochen hat. Selbst der Kapitän soll heimlich eine Karte erworben haben.