08.12.2006 Hamilton / Bermudas

Ein erster Blick: auf das Zentrum der Hochfinanz

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 23,5°C, SSW 7, 90%, bewölkt


Es hat sich nicht verhindern lassen, muß P. jetzt duzen. Er hofft, daß wir heute im Bermuda-Dreieck verschwinden. – Im Bordprogramm tritt neuerdings eine Allzweck-Flötistin auf, ihre 57 verschiednen Flöten hat sie in einer separaten Suite untergebracht; die Kabinenstewardessen („Kabinendüsen“) dürfen dort noch nicht mal die Vorhänge aufziehen. Während sie bei ihren abendlichen Auftritten die Instrumente virtuos wechselt, wird Videomaterial zugespielt, das die Flötistin mit diversen Tieren zeigt: 400 wilde Islandstuten, die ihr so lange innigst zuhören, bis der Hengst kommt. 80 mittrompetende Elephanten im ceylonesischen Elephantenwaisenhaus, darunter ein schmunzelnder Mörderelephant, der am Ende ihrer Performance sanft einschläft. 82000 Pinguine in der Antarktis, die sich freilich kurz nach Beginn des Flötensolos allesamt ins Meer stürzen. Auf manchen Sequenzen sieht man die Dame mit ihrer früheren Partnerin, die auf dem indonesischen Komodo vor Jahr und Tag ihr Leben für die Kunst gegeben hat: Der Drache, dem sie dort ein Ständchen brachte, wiegte sich fünf Minuten lang im Takt, angeblich hatte er kurz zuvor einen Iren verschluckt und empfand die irische Musik als verdauungsfördernd. Aus einer plötzlichen Laune jedoch verschlang er die Flötistin – vielleicht hatte sie unbedachterweise etwas Englisches angestimmt. Heute abend stehen vor allem Werke für Delphin und Orchester auf dem Programm; abschließend sollen Lockrufe der Wale direkt von der Reling des 8er-Decks geflötet werden.

07.12.2006

Ein erster Blick: auf – nichts weiter als Wellen und Wind, das ist ja schon mal beruhigend.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 21,5°C, SO 2, 90%, wolkenlos


In der Tat ging P. gestern Nacht leer aus, der Mops fiel an Konsul Walder, der ihn heute einer unsrer Weinstewardessen (welcher?) auf die Kabine liefern lassen wird. Permanent kapitalauffällig, der Konsul. P. hingegen mit den Nerven am Ende, will mir sein Herz heute in der Havanna Bar ausschütten. Der alte Immobilienjongleur und die Vision von der Postinsolvenz. Das Wasser steht ihm trotz vielfältiger Umschuldungsmaßnahmen bis zum Hals; daher Flucht auf die EUROPA (Bordkonten bis zum Auschecken belastbar!). Rechnet damit, bei seiner Rückkehr direkt auf der Pier verhaftet zu werden. Sucht ausgerechnet meinen Rat; Fasthuber hat anscheinend gestreut, ich sei „Seniorchef der berühmten Vermögensverwaltung Fichtl & Co.“. Nichts anmerken lassen! Beiläufig ein paar Steuerhinterziehungstips geben, kenne mich als langjähriger Sachbearbeiter ja aus. Vor allem: Immer kryptisch dabei bleiben. Und schön von oben herab.

06.12.2006

Ein erster Blick: auf die davonsegelnde TIMUR II. Das war knapp.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 21,5°C, S 5, 87%, bewölkt


Die Herrschaften hatten bereits ihre Entermesser blankgewienert, wurden jedoch vom nautischen Offizier – ein dreifaches Hoch auf unsern Moritz Kienast! – gerade noch rechtzeitig über Megaphon belehrt, daß sie das Schiff verwechselt hatten: Wenige Seemeilen vor uns fährt MS CRÈME BRULÉE, auf das man für die Dauer des Winterhalbjahrs das komplette Seniorenstift „Alsterresidenz“ ausgelagert hat; die Piraten sind der Meinung, daß die Klunker in den Kabinensafes dort dicker sind als bei uns. Wenn sie sich da mal nicht irren! Beim Bordjuwelier scheint ein regelrechtes Wettbieten um den Smaragdmops stattzufinden, für Mitternacht ist eine Auktion angesetzt, in der P. jedenfalls leer ausgehen wird; muß Konsul Walder diesbezüglich noch mal richtig heiß machen. – In die Schuhe, die wir gestern abend vor die Kabinentür gestellt haben, sind uns vom Bordnikolaus Marzipanferkel gesteckt worden. Professor Billhardt, der das seine direkt aus dem Schuh heraus verzehrte, mußte sich von Frau Stäblein als „Kielschweinmörder“ beschimpfen lassen. Ob sie ernsthaft an die magischen Fähigkeiten von Sir Alex glaubt? Immerhin ist uns für heute kein „Bayerischer Frühschoppen“ mehr angekündigt.

05.12.2006

Ein erster Blick: Auf den zweiten Blick ist es zwar nicht die CARPE DIEM, sondern nur die TIMUR II, trotzdem wird es langsam eng. Zum Glück schielt der Kerl, der die Enterhaken wirft.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 20° C, S 6, 87%, teilweise bewölkt


Sarah hat im Museum von Horta einen handspannenlangen Walfischzahn mitgehen lassen, der Bordjuwelier soll ihr dazu ein Etui anfertigen. Wird indes so schnell nicht Zeit für sie haben; Immobilienjongleur P. ist dabei, mit ihm um einen kapitalen Smaragdmops zu feilschen, einen 30-Karäter, bestäubt mit 4,2 Karat Brillanten. Seit Jahren liegt der Mops in der Innendeko, immer wieder haben sich Stammgästen beschwert, er verbaue dort die Aussicht. P. verfolgt die Taktik des Ermüdungsfeilschens, nahezu rund um die Uhr. Der Preis soll bei 38.000 Euro liegen, ein Schnäppchen, da mehrwertsteuerfrei; P. hat uns angekündigt, daß er den Betrag bis heute abend noch locker unter 30.000 Euro drücken wird. Werde mir den Mops unter einem Vorwand beim Juwelier zeigen lassen und Interesse signalisieren.

04.12.2006

Ein erster Blick: auf – was ist das denn? Doch nicht etwa die CARPE DIEM? Und schon so nah?

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 19,5° C, SW 7, 87%, bewölkt


Gestern: Ablehnung der Petition; der ständige Rechtsberater von Frau Stäblein, Konsul Walder, kündigte an, sich an die nächsthöhere Instanz zu wenden (Hapag-Lloyd Hamburg). Um 16 Uhr „Adventsleckereien“ im Club Belvedere: Wer Zimtsterne oder Lebkuchen erwartet hatte, wurde freilich mit Salzletten abgespeist. Man hört, daß es jetzt sogar auf der Brücke zu Meutereien kommt, unser nautischer Offizier Moritz Kienast hat über den „Announcement Channel“ sofortige Freilassung des Schoko-Dieters gefordert. – Heute: Atlantikpassage, um 12:30 Uhr „Grüß Gott und herzlich willkommen zu einem echten bayrischen Frühschoppen“! Die Kellner werden Krachlederne tragen, die Kellnerinnen Dirndl, um den Hals ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „EUROPA“, es spielen die „Evergreen Juniors“, als Blaskapelle verkleidet. Freibier für alle! Und zum Essen? „Freistaatliche Spezialitäten“ … Daß in den Pumpensümpfen ein zünftiges Gemetzel angebrochen ist, wird den meisten Gästen gar nicht bewußt sein. Habe Fasthuber im Verdacht, in Sachen Kielschweinmachenschaften mit dem Hot Man unter einer Decke zu stecken.

03.12.2006 Horta/Faial / Azoren

Ein erster Blick: auf die Morgendämmerung über der Insel Pico

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 17,5° C, W 3, 81%, bewölkt


Gerüchteweise hört man, der „Hot Man“ habe bis zu unsrer Landung in Savannah sieben Mal in Folge „Bayerischen Frühschoppen“ im Lido angesetzt, auf daß sich sämtliche Kielschweine in Schweinsbraten und -haxen verwandeln; ohnehin würden sie dann den scharfen Kontrollen der amerikanischen Gesundheitsbehörde zum Opfer fallen. Heute soll eine Petition der Weltreisegäste eingereicht werden; ihre Sprecherin Frau Theresia Stäblein („Ein Herz für Hummer“): Vor Einlaufen in US-amerikanisches Hoheitsgebiet könne man die Schweine doch vorübergehend von Sir Alex in Marzipanferkel verzaubern lassen. Professor Billhardt: Ohnehin falle der Verzicht auf die Kreationen des Schoko-Dieters zunehmend schwerer, die gestrige „Süße Symphonie“ aus andalusischem Schafskäse sei eine Zumutung gewesen. Vom Geblök der Herde, die nachts aufs Mooringdeck zum Grasen getrieben werde, ganz zu schweigen. Fasthuber schweigt zu all dem, weiß also mehr, als wir ahnen.

02.12.2006 Ponta Delgada / Sao Miguel / Azoren

Ein erster Blick: auf ein Hoch über den Azoren?

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 15° C, NW 3, 66%, leicht bewölkt


Gestern Begrüßungsabend in der Europa Lounge. Der Zauberer, ein gewisser Sir Alex, zog sich ausgerechnet den Schiffsschreiber aus dem Publikum und als seinen Assistenten auf die Bühne: Er mußte dort, einen Golfball im Mund, eine Viertelstunde auf allen Vieren ausharren, während der Sir seelenruhig eine Seejungfrau zersägte. Recht so! Habe den Kerl ohnehin im Verdacht, daß er unsern Tisch observiert; als die Meise der Kipp-Oehljeklaus kurz durch den Saal flatterte, machte er eifrig Notizen. – Dieter Drescher, der bei den Mahlzeiten leider meistens einschläft, berichtet von der anschließenden Nacht Unglaubliches: Auf dem Weg zu seiner Kabine habe er sich zielstrebig in die Mannschaftsdecks hinunterverirrt; über einen als „Highway No. 1“ beschilderten Gang sei er, an „Hollywood Boulevard“ und „Picadilly Circus“ vorbei, zu einem „Madison Square Park“ gekommen, von dort über steile, grün gestrichne Stahltreppen noch tiefer. Die Filipinos, auf die er schließlich im 1er-Deck am Rande des Pumpensumpfes stieß, hätten sich freilich beim Schachspiel nicht stören lassen; schließlich habe ihn Moritz Kienast, nautischer Offizier und bekennender Bordschürzenjäger, bei seinem nächtlichen Rundgang aufgestöbert und zurück zu seiner Kabine gebracht.

01.12.2006

Ein erster Blick: auf ein Tief über den Azoren? Jedenfalls halten wir direkt drauf zu.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 20° C, SW 4, 80%, ziemlich bewölkt


Endlich wieder ein Tag auf offner See! Landgänge zunehmend lästig, halten nur unnötig auf. Ein Schiff muß sich bewegen, muß rollen, stampfen, gern auch mal schlingern, so daß die Kipp-Oehljeklaus wieder seekrank wird – geschieht ihr recht! Was bucht sie auch eine Suite auf dem 10er-Deck. Wenn ich so eine beim Finanzamt zu bearbeiten hätte. Den gestrigen Landgang hat sie dazu benutzt, sich von einem Friseur in halbtägiger Feinarbeit ein Vogelnest auf den Kopf praktizieren zu lassen; der Concierge ist beauftragt, eine Meise zu organisieren, die dort während zukünftiger Gala-Empfänge auf Leihvogelbasis brütet. Kipp-Oehljeklaus! Vor ein paar Jahren soll sie von ihrem Mann über Nacht verlassen worden sein, kein Wunder. Werde mich den Tag über in der Kabine verbarrikadieren und im Bordfersehen kontrollieren, ob ihr die Dünung da oben hoffentlich gehörig zu schaffen macht. Nebenbei Obstkorb leeren. Zimmerservice nach Schiffszwieback scheuchen. Bloß keinen Kaviar mehr!

30.11.2006 Funchal / Madeira

Ein erster Blick: auf Funchal (eine Art Valle Gran Rey XXL)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 19° C, SO 3, 68%, teilweise bewölkt


Schade: Knapp 50 von der Crew gehen von Bord, darunter der „Chief“ (Chief Engineer), er macht Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Hat bei Landgängen in der Arktis Ablenkfütterungen für Eisbären durchgeführt, trägt deshalb am Revers den Eisbären in Gold. Hat sich auch beim Aufspannen von Eisbärennetzen achtern in der Nordwestpassage Verdienste erworben, kennt das Eisbärengefängnis in Hammerfest, das SOS-Eisbärenkinderdorf in Thule – wer weiß, in welcher Situation er uns noch fehlen wird. Kabinenwimpel auf Halbmast setzen und Trauerarbeit leisten. Dann entschlossen den 50 Neuen entgegenwarten. Und irgendwann wird sich ja auch der Chief wieder einschiffen.

29.11.2006

Ein erster Blick: auf den Atlantik

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18° C, NO 5, 73%, leicht bewölkt


Frau P. hat ihre Ankündigung wahrgemacht; fest an ihre Boje geklammert, trieb sie Richtung Afrika. Noch nach Minuten konnte man sie im Suchscheinwerferkegel sehen, umringt von 18 weiteren Bojen, wie sie uns entschlossen zuwinkte – drei Tagesrationen Champagner hat man ihr mitgegeben. Nawrath verkostete den Rest des Abends schweren Baron Rothschild, von einer Bar zur nächsten wechselnd. Mit Schwund müsse man auch in der Kunst rechnen, ließ er gen Mitternacht wissen: Nach dem Bemalkurs sei vor dem Bemalkurs. Auf Nachfrage versicherte er, daß gestern „selbstverständlich“ auch frische Bojen an Bord genommen worden, im übrigen auch frische Kielferkel für den anstehenden Bayerischen Frühschoppen. Man habe sie über die Gangway an Deck getrieben, das eine oder andre sei in der Lobby freilich entwischt. – Versuchen, einen Blick in den Laderaum zu werfen, es soll dort unten jetzt auch eine kleine Schafherde geben, dazu einen echten andalusischen Hirten samt Schäferhund. Stapelweise Weihnachtsschmuck. Sogar Kühlschränke für Müll.