08.03.2007

Ein erster Blick: Die Frage ist, wie lange sie das noch durchhalten können.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 20° C, SO 5, 70%, bedeckt


Unser Schiffsschreiber, in Adelaide hat er sich einen Panama-Hut zugelegt. Mit Timmi, dem Bandleader der „Evergreen Juniors“, war er in die Stadt gefahren, dort zufällig in die „Adelaide Arcade“ und darin zufällig in ein Spezialhutgeschäft geraten, „Adelaide Hatters“, darin wiederum zufällig an eine bezaubernde Hutverkäuferin namens Jeanny. Die ihm bei jedem Hut, den er sich zum Jux aufsetzte, versicherte, er stünde ihm wunderbar, je teurer jedoch, desto wunderbarer. Da sich Timmi, seit Jahren passionierter Hutsammler, kurzentschlossen einen Panama für 200 Australdollar zulegte, wollte der Schiffsschreiber nicht nachstehen; Jeanny persönlich knetete ihm die Krempe mithilfe des „Jiffy Pro-line Steamer“. Als es ans Bezahlen ging, hatte er freilich nur Neuseeländische Dollars; Timmi mußte ihm, „Sorry, this is Australia“, mit seiner Karte beispringen. An Bord stellte er dann empört fest, daß der Hut in Ecuador geflochten und in USA gefertigt worden, also nicht mal ein authentisches Souvenir war, „Proudly manufactured in Australia“. Er, der bislang allenfalls Baseballkappen getragen haben will, behauptet, mit diesem Kauf auf einen Schlag zehn Jahre älter geworden zu sein – ein Mann mit Hut könne keine Turnschuhe mehr tragen, erst recht nicht über die Straße rennen. Nichtsdestoweniger flaniert er damit auf und unter Deck, gern auch mit Sonnenbrille; Herr Riebenstein will gehört haben, wie er dabei „Oh wie schön ist Panama“ vor sich hingesungen hat. Soviel zum Thema Souvenirs.

07.03.2007 Kingscote / Kangaroo Isl. / Australien

Ein erster Blick: auf eines unsrer Tenderboote vor Kangaroo Island

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 17° C, SO 4, 81%, bewölkt


Auch Big Boss ist wieder von Bord, mit all unsern Beschwerden, Sorgen und Nöten im Gepäck, die wir ihm in einer der Sesselgruppen des Atriums diktieren durften. Zurückgelassen hat er uns seinerseits mit und vor einem Rätsel, an dessen Unlösbarkeit wir uns seitdem abarbeiten: Die Fenster des Atriums, so Big Boss in einer seiner Bemerkungen zum Abschied, seien an ihren Stahleinfassungen mit oxidierten Kupferblechapplikationen verziert; beim „Power Sitting“ mit den Passagieren habe er nebenbei festgestellt, daß etliche der kleinen Kupferbleche fehlten. Sofortige Maßregelung des Hot Man; dieser soll vermutet haben, die Bleche seien von Souvenirjägern entfernt worden. In Sorge, daß ihm das Flaggschiff seiner Flotte, portioniert in handliche Souvenirs, sukzessive gestohlen werden könnte, hat Big Boss sofortigen Ersatz der Bleche angeordnet – eine schiere Unmöglichkeit, so der Hot Man, bei den Blechen handle’s sich um Sonderanfertigungen, sie seien, fernab des Originalherstellers, kaum zu besorgen. So weit, so schlecht. Pikanterweise lassen sich an besagten Fenstern aber gar keine Kupferblechapplikationen entdecken – kein einziges! Wenn nur „etliche“ davon gestohlen worden wären, müßten andre doch noch am angestammtem Ort zu sehen sein? Aber nein, die Fenster sind perfekt eingefaßt (oder eben komplett geplündert), der Hot Man kann sie noch so lang betrachten, er wird daran kein einziges Muster finden, nach dem er Nachschub ordern könnte. Und wir erst recht nicht. Hat uns Big Boss am Ende bloß eine Lektion erteilen wollen? Und wenn ja, welche?

06.03.2007

Ein erster Blick: auf den Anleger Outer Harbour Passenger Terminal, Port Adelaide

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 17° C, SO 6, 69%, bedeckt


Der Ukelele-Spieler der „Evergreen Juniors“, beim gestrigen Abschied im Atrium: Er sei jetzt wirklich reif für Australien. In den letzten zehn Wochen habe er sich an Frank Sinatra-Titeln „’nen Wolf gespielt“, geschätzte 30 Mal allein schon „New York, New York“, 50 Mal „My way“, mindestens. Selbst der Franz-Lehár-Walzer „Gold und Silber“ habe es auf 20, 25 Mal gebracht; die „Iglesias-Schnulze ‚Amor’“ auf 50, 60 Mal, „wenn’s überhaupt reicht“; ein von der Band selbst zusammengestelltes Medley „Cha-Cha-Revue“ auf 40 Mal; ebenfalls auf 40 Mal ein zweites Medley „Cha-Cha-Potpourie“. Die Leute wollten halt tanzen, das sei an sich ja nichts Verwerfliches. Aber immer zu den gleichen Gassenhauern? Bei jedem Musikwunsch habe er sich gefragt: „Moment mal, das haben wir heute doch schon gespielt?“ Und in der Tat, oft ##hatten## sie’s schon gespielt, auf einem andern Deck, zu einer andern Gelegenheit. Ein Kreuzfahrtschiff betreibe „systematische Reduktion des musikalischen Universums“, und weil man ja auch noch „fröhliche Auslaufmusik oder Hintergrundmucke bei Strandbarbecues“ zu liefern habe, seien er und seine Kollegen am Ende sogar froh gewesen, zwei Mal als Begleitband für Roberto Blanco zu fungieren. „Zwei Mal was andres!“ Ein bißchen Spaß müsse sein, auch für Ukelele-Spieler. Er ging dann sehr zügig von Bord; wiederkommen, so seine letzten Worte, würde er gleichwohl gern: „Aber erst so im Juni, Juli, da habt ihr’s ja auch endlich geschafft“. Frau Stäblein, zum Konsul: „Wenn der wüßte …“ Konsul Walder, zu Frau Stäblein: „… daß wir die nächste Reise längst gebucht haben!“

05.03.2007 Adelaide / Australien

Ein erster Blick: auf eine der meistphotographierten Attraktionen Australiens, die „Zwölf Apostel“ (acht davon mittlerweile gestürzt, vier unsichtbar)

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 17° C, SW 6-7, 64%, leicht bewölkt


Gestern, kaum hatten wir in Melbourne festgemacht, feierlicher Einmarsch des neuen Kapitäns. Das heißt: vollkommen unfeierlicher Einmarsch, plötzlich kommt er ohne weitere Ankündigung über die Gangway herein, und obwohl man seine vier Streifen im Gegenlicht gar nicht erkennen kann, sieht man’s sofort: Das muß er sein. Ein freundlicher Händedruck für den Türsteher, der ganz von alleine Haltung annimmt, ein freundliches Lächeln in die Runde, die sich da zufällig im Atrium zusammengefunden hat, er geht reihum und begrüßt jeden, ob Passagier, ob Crew, der ihm an die rechte Hand gerät. Und wie wir alle glauben, er werde jetzt eine kleine Begrüßungsrede halten, wird es ganz von alleine still: Zu hören freilich nichts als ein kräftiges Knacken, als ob ein Ruck durchs Schiff geht, wir heben die Köpfe, als ließen sich dort oben, in der Holzverkleidung von Bar oder Rezeption, Erklärungen entdecken. Wie wir den Blick jedoch wieder senken und auf die Sessel und Sofas rund um den Flügel richten, auf die Schreibtische des Concierge und der Kreuzfahrtberaterin, will es uns fast scheinen, als sei das Altvertraute plötzlich neu und anders geworden, als hätten sich die allerletzten Kleinigkeiten, die man bislang vielleicht vergessen hatte, ganz von alleine eingenordet. Der neue Käptn ist allerdings schon wieder verschwunden, Richtung Brücke, um dort sogleich das Kommando zu übernehmen; Big Boss, der mit ihm gemeinsam von Deutschland aus anreiste, setzt zu einer kleinen Ansprache an, wird aber vom Klingeln seines Handys abgehalten. „Das war schon mal mindestens fünfsterneplus“, nicken wir einander zu, die wir Zufallszeuge dieser Szene geworden; Frau Frunzke: „Und sieht er nicht auch besser aus als der alte?“

04.03.2007 Melbourne / Australien

Ein erster Blick: auf die West Gate Bridge

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18,5° C, SW 3, 86%, bewölkt


Eigentlich saßen wir im „Oriental“, einem unsrer beiden Spezialitätenrestaurants, und feierten den Abschied von Herrn Gubick, der uns zum x-ten Mal von seiner Höhenangst erzählte und wie er sie auf der Sydney Harbour Bridge überwand. Noch eigentlicher behielten wir den Tisch im Auge, an dem die Pressechefin von Hapag-Lloyd mit diesem Pressefatzke speiste, einem gewissen Gerald G. Grömitz, und mit dem Fatzke von Schiffsschreiber: der eine typischer Leihkrawattenträger im fluffigen Leihanzug; der andre, trotz seines buntbedruckten Südseehemdes, ein mürrischer Gesell, den Schiffsschreibergriesgram ins Gesicht geschrieben. Was wird die arme Pressesprecherin in ihrer beider Gesellschaft leiden, warum tut sie sich das an? Grömitz, auch mit vollem Mund führt er das große Wort; der Schiffsschreiber, gelangweilt in der Tischdeko herumstochernd, als ob er sich durch Schweigen noch wichtiger machen könnte als der andre durch Reden. Dann aber, nach doppeltem Beerenteller und doppeltem Espresso, eine Runde Glückskekse: Die beiden brechen sie entzwei, lesen ihren Spruch, blicken einander an, lesen erneut, blicken die Pressechefin an, die nur kurz die Augenbraue hochzieht, dann … legt Grömitz seine Stirn bedeutungsvoll in Falten, verfällt in Wortlosigkeit. Wohingegen der Schiffsschreiber erst die Pressechefin anstrahlt, dann sogar Grömitz, und das Plappern beginnt. Zum Abschied zwinkert uns die Pressechefin kurz zu, der Schiffsschreiber winkt fröhlich, Grömitz, den Blick zu Boden, hinterher. „Sieh einer an“, versteht Frau Stäblein als erste: „So geht es also auch.“ Professor Billhardt: „Und das ganz ohne großes Tamtam.“ Nur Immobilienjongleur P. will nicht begreifen: „Sagt bloß, die wurden gerade neu eingen-“ „Zwei auf einen Streich“, unterbricht ihn Graf Harro. Bis zur Ankunft des neuen Kapitäns verbleiben ja auch nur noch wenige Stunden.

03.03.2007 Cowes/Phillip Island / Australien

Ein erster Blick: Nein, das ist noch nicht Phillip Island.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 20° C, NO 4, 87%, bedeckt


Ein unverhoffter Zusatztag in Hobart. Frau Wallosek schwärmt von ihrem Ausflug zu den Koala-Bären; Sarah will einem Känguruh das Junge aus dem Beutel geklaut haben, als es unvorsichtigerweise hervorlugte, um gestreichelt zu werden. Und das beste: Unsre Hütte wieder fahrbereit! Wir stoßen auf den Chief und seine Leute an, kaum sind alle Ausflügler zurück an Bord, legt er mit all seinen Motorblöcken für uns los – Anna, Berta, Cäcilia, Dora –, wir versichern einander, daß wir selbst durch einen Kurzschluß nicht aufgehalten werden können. Dann aber, kurz vor Beginn der Farewell-Gala, wir flanieren gerade vom Europa-Restaurant übers 4er-Deck Richtung Europa-Lounge: „Mike Mike Galerie“, der Notruf für Ärzte, sich am genannten Ort einzufinden. Dort bereits ein mittlerer Smokingauflauf, kaum erkennen wir den Bordarzt, assistiert von einigen weiteren, die sich über etwas Strampelndes beugen, es läßt sich partout nicht sagen, wer da am Boden liegt. Jedenfalls jemand in Gala-Uniform, der Notfall; Herr Opitz will drei Streifen an seinem Ärmel gesehen haben, Frau Frunzke dreieinhalb, Wostock sogar deren fünf. Herr Drescher: „Fünf? Gibt’s doch gar nicht!“ Aufgurgelnd aus dem Menschenknäuel wilde Töne, irgendjemand wird schließlich auf eine Trage geschnallt und weggetragen. Wie wir dann verschreckt in der Europa-Lounge unsre Plätze einnehmen, in wenigen Minuten wird die traditionelle Seekartenversteigerung zugunsten von „Deutsche Stiftung Musikleben“ beginnen (die armen Musiker sind uns ja, wir erinnern uns wechselweis, im Labyrinth von Knossos stiften gegangen), flüstert Frau Stäblein noch schnell: „Nun muß aber auch mal wieder Schluß sein mit dieser Einnordung, das ist ja der reinste –!“ Aber da setzen die „Evergreen Juniors“ schon zu ihrem ersten Tusch an, die Show beginnt.

02.03.2007 Launceston / Tasmanien

Ein erster Blick: noch immer auf den Hafen von Hobart. Wir liegen fest in Tasmanien.

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18° C, SSW 2, 86%, bedeckt


Es begann mit einer Durchsage um 7 Uhr morgens, über Bordlautsprecher wurde der IT-Mann gebeten, sich umgehend mit der Brücke in Verbindung zu setzen. Ein Viertelstunde später: Es habe einen Kurzschluß gegeben, man laufe derzeit noch auf Batterie, werde aber jetzt den Strom abschalten. Eine weitere Viertelstunde später: Der Chief, Herr über die Maschine, sei mitsamt all seinen Leuten am Arbeiten, aber … man bedaure’s sehr, Wasser, Aircondition und Abwasser würden nun abgeschaltet. Daß auch Internet- und Telephonverbindungen tot waren, wurde lieber gar nicht angesagt, unsre Hütte zu diesem Zeitpunkt vollkommen vom Netz genommen. – Zum Glück in einem Hafen! ließ Herr Wallosek während des Frühstücks wissen: Vor drei, vier Jahren habe’s ebenfalls „’nen totalen Blackout gegeben“, an einem Abend mitten auf dem Atlantik, die EUROPA habe damals ein paar Stunden lang auf dem Meer getrieben, bis man den Schaden habe beheben und den nächsten Hafen ansteuern können. – Gegen halb elf gibt es immerhin schon wieder Licht und Wasser; eine erneute Durchsage belehrt uns, daß der Hafenagent inzwischen „Hilfe von Landseite“ angefordert hat. Und: Der Kurzschluß sei auf Deck 9 verursacht worden – dort ist die Brücke! Professor Billhardt vermutet, daß er bei der Neueinnordung des Kapitänsstuhls verursacht wurde. Erneute Durchsage: Man bedürfe einiger Ersatzteile, die aus Sydney herbeigeflogen würden, der heutige Landgang sei bis 19 Uhr verlängert worden. – Vorerst letzte Ansage: Die Ersatzteile kämen erst in der Nacht an, wir blieben mindestens bis morgen nachmittag hier liegen. – Wollen sie damit etwa verhindern, daß wir rechtzeitig in Melbourne ankommen? spekuliert Frau Stäblein. Vorerst allerletzte Ansage: Hapag-Lloyd lädt uns zu einem Überlandausflug nach Launceston ein, das wir eigentlich heute morgen hätten anlaufen sollen. Nobel!

01.03.2007 Hobart / Tasmanien

Ein erster Blick: auf den Hafen von Hobart

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 18,5° C, S 2-3, 88%, regnerisch


Ein defekter Kompaß und seine Folgen. Ja welcher Alkohol hätte denn hineingehört? würden wir am liebsten Moritz Kienast höchstselbst fragen, der ihn schließlich leergetrunken hat: „Weißer Rum?“ sinniert Immobilienjongleur P., „brauner Rum? Kubanischer oder –“ „Ruhe!“ schlägt Graf Harro mit der flachen Hand auf den Tisch und zeigt uns allen erst mal reihum einen Vogel: „Die entscheidenden Frage ist doch wohl“, und weil wir tatsächlich verblüfft den Atem anhalten, sogar die Meise der Kipp-Oehljeklaus ist für einen Moment ruhig, kann er jetzt mit der Stimme wieder runtergehen, zischt uns seine Frage förmlich zu: „Wer nordet eigentlich unsern Käptn neu ein?“ Großes Palaver, in großer Ratlosigkeit ausebbend. Jaja, mittlerweile sind auch Klobrillen und Cocktailshaker wieder korrekt eingenordet, sogar die Pool-Dusche und jede einzelne Türklingel der Penthouse-Suiten, aber … der Käptn? – „Muß man den denn noch neu einnorden?“ fragt Herr Drescher schließlich: „Lohnt das überhaupt noch?“ Zum Navigieren habe man ja den wachhabenden Offizier, den einen oder andern Filipino mit Kapitänspatent, nicht zu vergessen den Mann im Ausguck. – Welcher Ausguck? wird jetzt auch Professor Billhardt munter. Die Meise der Kipp-Oehljeklaus, seit Wochen hat sie ihr Nest nicht mal mehr verlassen, nun flattert sie aufgeregt durchs Europa-Restaurant. Auch an den Nachbartischen ringt man um Antworten, die Lage scheint noch ernster zu sein, als wir vermuten. Haben sich deshalb etwa einige führende Vertreter des Hapag-Lloyd-Managements auf den Weg nach down under gemacht? Die Leiterin der Presseabteilung ist bereits an Bord, Big Boss wird für den 4. März in Melbourne erwartet.

28.02.2007

Ein erster Blick: auf, schemenhaft im Schlechtwetterdunst, die australische Küstenwache?

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 19,5° C, O 5-6, 90%, regnerisch


Ist ein falsch eingenordeter Kompaß in Zeiten von GPS nicht eine Lappalie? Oh nein, mischt sich Fasthuber ungebeten in unser Tischgespräch ein: Ein Kompaß sei immer mehr als ein Kompaß, er stehe für den Zustand des gesamten Schiffes. – Sie habe’s ja schon seit Wochen gespürt, will sich die Kipp-Oehljeklaus wichtigmachen: Die EUROPA liege beständig, „meinetwegen um 40 Grad, aber das spielt ja eigentlich keine Rolle“, neben ihrer Idealposition, sie hadere mit sich selbst. Fügt, bekennende Eso-Tante, die sie nun mal ist, auch noch an, daß ihr – wohlgemerkt: sie redet von einem, von unserem Schiff – „wahrscheinlich die Seele abhandengekommen ist“. – Neugierig lugt die Meise aus ihrem Haarnest, wir haben sie schon seit Wochen nicht mehr so munter erlebt. Konsul Walder: Wenn der Käptn nicht mal seinen Kompaß ohne staatliche Auflagen auf Kurs halten könne, dann habe er wohl ohnehin nicht viel in unsrer Hütte zu melden. Die Theorie des Konsuls: In Wirklichkeit sei der Käptn gar nicht der Käptn, sondern nur ein Kapitänsdarsteller. Man habe einen Schauspieler verpflichtet, die repräsentativen Auftritte desselben vor und mit den Passagieren zu ##spielen##; der echte Käptn stehe währenddem auf der Brücke und gebe seine Kommandos. – Wahrscheinlich einer mit Holzbein und Augenklappe? spottet Graf Harro, während die Meise der Kipp-Oehljeklaus nun auch noch das Zwitschern anfängt. Aber daß die Kabinendüsen bereits gestern abend mit der Neueinnordung unsres Suiteninventars begonnen haben, kann er nicht leugnen: Auch bei Flaschenöffnern und Obstkörben wurde die 40°-Abweichung festgestellt; heute sind Bettvorleger und Zahnputzgläser an der Reihe. Bis zur Ankunft des neuen Kapitäns verbleiben noch ganze vier Tage.

27.02.2007 Eden / Australien

Ein erster Blick: auf Schlechtwetter

Das Wetter um 6 Uhr morgens: 20° C, N 4, 95%, Regen


Nach dem Ablegen am gestrigen Abend eine 360°-Drehung unsrer Hütte mitten im Hafen, vollzogen in 90°-Schritten mit kurzen Pausen dazwischen, dann eine zweite Drehung, das gesamte Manöver annähernd eine Stunde. Der Grund: Bereits in Neuseeland hatte ein Lotse festgestellt, daß unser Kompaß um satte 40° abweicht; den Einwand des Käptns, daß er ohnehin die ganze Zeit mit Autopilot fahre, bei seinen zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen an Bord hätte er gar keine andre Wahl, ließ er nicht gelten. 40 Grad! soll der Lotse immer wieder vor sich hingemurmelt haben: Ein Wunder, daß wir trotzdem all unsre bisherigen Reiseziele gefunden hätten. Weil die Sache damit amtlich war, mußte ein Vertreter der australischen Hafenbehörden an Bord geholt werden, unter dessen Leitung die Neueinnordung unsres Kompasses stattfand: durch ständigen Vergleich mit seinem eignen, sozusagen dem Urkompaß, bzw. mit Landmarken, die er von Deck 11 aus anpeilte. Wir erinnern uns, daß unser Kompaß irgendwann in der Vorweihnachtszeit vom nautischen Offizier leergetrunken worden, um möglichen Beanstandungen der US-Gesundheitsbehörden zuvorzukommen. Wahrscheinlich hat man schlichtweg vergessen, den Kompaß nach Verlassen der amerikanischen Hoheitsgewässer neu zu befüllen? – Der Vorfall soll in der Hamburger Zentrale mit Bestürzung registriert worden sein. Der zukünftige Käptn – in wenigen Tagen wird der alte abgelöst, der neue Mann gilt als äußerst akkurat – hat angeblich von Deutschland aus wissen lassen, er lege Wert darauf, daß auch das restliche Schiff neu eingenordet wird, mit Mann und Maus.