Schriftstellerverband lädt zu Gesprächen „wie in der Stammkneipe“

Schriftstellerverband lädt zu Gesprächen „wie in der Stammkneipe“Interview: Alexander Schierholz

erschienen/erscheint bei:

Mitteldeutsche Zeitung, 11/6/26; zum Interview

Entstehungszeitraum: 09/06/2026 – 11/06/2026

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Interview

Herr Politycki, Sie stellen fest, die öffentliche Debatte in Deutschland stecke in einer „paradoxen Krise“. Wie meinen Sie das?

Alle sind wir permanent auf Sendung, aber kaum jemand will noch etwas empfangen. Wir teilen uns in rasendem Eifer mit, vor allem auf Social Media, und sofort hält jemand dagegen. Unter diesem absurden Zeitdruck kann kein gutes Gespräch gelingen.

Was ist für Sie ein gutes Gespräch?

Eines, bei dem man einander zuhört. Bei dem man vielleicht auch mal sagt: Das weiß ich nicht. Oder sogar: Da haben Sie recht. Ein Gespräch ist ein Geben und Nehmen, am Ende sollten es beide Seiten als Bereicherung empfinden.

Wohin führt das permanente Senden?

Wenn wir allzusehr auf Individualität und Identität insistieren, löst das die Strukturen einer Gesellschaft auf, und sie zerfällt in zahlreiche Ersatzgemeinschaften und Referenzblasen, die möglichst laut Aufmerksamkeit einfordern und ihre Rechte reklamieren. Bei anhaltender Kakophonie erscheint alles unterschiedslos wichtig, mit der Folge, daß wir nicht mehr entscheiden können, was wirklich von Bedeutung ist. Früher hat uns die Tagesschau vereint, nach einer Viertelstunde wußten wir alle, was an diesem Tag in der Welt wichtig war. Zumindest haben wir geglaubt, es zu wissen.

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