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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   Und übrig bleibt der dunkle kalte See

Und übrig bleibt der dunkle kalte See

06/11/2009 - 09/11/2009
Matthias Politycki
Und übrig bleibt der dunkle kalte See
Gespräch mit Martina Scherf über „Jenseitsnovelle“



erschienen/erscheint in:
leicht gekürzt erschienen in: Münchner Kultur/Süddeutsche Zeitung, 10/11/09

 
Herr Politycki, ist es wahr, daß die erste Szene der Novelle auf einen Traum zurückgeht?

Ja, leider sogar bis ins Detail, ein Albtraum. Dieser erste emotionale Impuls lieferte dann nicht nur das Setting – Mann findet tote Ehefrau –, sondern auch die Farben, den Geruch, die Stimmung. Trivialpsychologisch betrachtet, habe ich vermutlich meine eigene Angst verarbeitet – je länger eine Liebesbeziehung währt, desto stärker wird ja auch die Angst vor dem Verlust des anderen. Liebe währt halt doch nicht ewig, ein Skandalon, und das macht sie auf Dauer so ernst und ergreifend. Dazu kam, daß in letzter Zeit ein paar Menschen gestorben sind, die mir viel bedeutet haben.

Was auffällt, ist die Stärke der beiden Frauen – Doro, der Gattin, und Dana, der Traumfrau –, gegen die Schepp, der blässliche Sinologe, ziemlich hilflos wirkt.

Schon in meinen Romanen waren die Frauen ja immer die Stärkeren. Zu Doros speziellem Ton hat übrigens meine Cheflektorin viel beigetragen, indem sie mir klarmachte: Eine Frau sagt das nicht so. Sondern so. Sie hat zum Beispiel viel öfter einen Punkt gesetzt, als ich das getan hätte. Und das ist beim Erzählen alles andere als eine Nebensache! – Wenn man sich schließlich durchringt, nicht nur eine Erzählung, sondern eine Novelle zu schreiben, dann muß der Stoff ja noch eine Spur knapper, schneller, härter gedacht werden, damit die Vernichtung der Hauptfigur am Ende umfassend und endgültig ausfällt. Starke Frauen sind dabei ziemlich hilfreich.

Die typische Polityckische Ironie, von der Sie einmal sagten, es sei ihre Art der Weltbewältigung, ist diesmal sehr verhalten.

Heiterkeit ist ja nur eine alleräußerste, oberste Schicht der Persönlichkeit, eine Art Blattgold über der Melancholie. Sie hilft, all das Dunkle des Lebens zu ertragen, und genau das  war auch schon die Rolle der Ironie beim „Herrn der Hörner“. In einem Roman, der in Santiago de Cuba spielt, kann der kubanische Humor noch gegen den Einbruch des Jenseits und der Magie helfen; bei einem Stoff, wie ich ihn jetzt verarbeitet habe, fehlt er natürlich, und übrig bleibt der dunkle kalte See.

Den der Symbolist Arnold Böcklin in seiner „Toteninsel“ malte. Wie kam dieses düstere Bild ins Spiel?

Ich kannte es von Kunstdrucken, es hat mich immer beeindruckt. Ein befreundeter Maler fuhr dann mit mir in die Nationalgalerie nach Berlin, um es gemeinsam im Original zu betrachten. Auf dem Rückweg erwähnte ich, daß ich noch keinen Namen für meine Hauptfigur hätte. Da sagte mein Freund plötzlich: Also der Totengräber bei uns im Kaff hieß Schepp... Viel später erfuhr ich übrigens, daß das Bild auch schon mal im Führerbunker hing! Und nur auf äußerst diskrete Weise aus der sowjetischen Beutekunst herausgekauft wurde.

Und Dana, die verführerische Kellnerin?

Vor 20 Jahren saßen wir mal spät nachts im Alten Simpl in Schwabing. Da mußten wir, ob wir wollten oder nicht, eine ähnliche Szene mitansehen; beim Schreiben tauchte sie plötzlich wieder auf.

Dann gibt es noch das Tattoo am Hals von Dana und das chinesische „I Ging“...

Bei einer Signierstunde zu meinem letzten Roman stand in der Schlange eine Frau, die ein winziges Tattoo am Hals hatte, da guckt man ja unwillkürlich hin. Und die Münzen des I Ging hatte ich wiederum in meiner Studentenzeit ab und zu geworfen.

Sie sind ein Bildersammler. Aber, um noch ein letztes, zentrales Detail zu verraten: Die Scharfsicht, die Schepp durch seine Augenoperation gewinnt und die sein Leben gehörig aus der Bahn wirft, die ist aber wirklich nur eine Metapher, oder?

Nicht nur. Ich wollte keinen Schriftsteller als Hauptfigur logisch. Aber ein textlastiger Mensch mußte es sein. Da fiel mir ein Professor ein, der jahrein, jahraus halb blind durch die Gänge des Institus wandelte. Viele Jahre später erzählte mir jemand, er habe ihn auf der Leopoldstraße gesehen, und der Professor habe ihm plötzlich zugewinkt, auf die andre Straßenseite hinüber! Er hatte sich die Augen lasern lassen.

Es geht in der Novelle um den Tod, aber auch um die Liebe, den Betrug, den Schepp, ob real oder nur im Geiste, beging. Was interessiert uns so sehr an diesem uralten Motiv?

Eine lange Beziehung ist doch viel interessanter als eine frische Liebe. Frei nach Nietzsche zitiert: Wer sich binden will, bedenke vor allem, daß die Ehe ein langes Gespräch ist. Wenn dieses lange Gespräch nun aber abreißt oder in Alltagsschablonen erstarrt, werden im Lauf der Jahre aus Mücken nicht nur Elefanten, findet das Mißtrauen überall seine Bestätigung, selbst dort, wo es wirklich nichts zu finden gäbe.

Dann geht man zum Paartherapeuten – oder trennt sich gleich. Schepp sagt sich ja: Da war doch nichts. Daß sich in seinem Inneren ein Erdbeben ereignet hat, will er nicht wahr haben.

Tun das Männer nicht oft? Ich bitte aber darum, ihm mildernde Umstände einzuräumen: Er ist halt erst mit 65, und dann von einem Augenblick zum anderen, in eine Art verspäteter Pubertät hineingeraten. Also vielleicht von der einen Fastblindheit in die andere.

Da sind wir ja bei der antiken Tragödie: Er kann fast nichts dafür, wird aber von der Verkettung der Ereignisse ins Schlimmstmögliche hineingetrieben. Und am Ende sind alle Lesarten möglich.

Sein eigentliches Vergehen ist doch, daß er das Gespräch mit seiner Frau nicht gesucht hat. Daß er irgendwann nicht mehr an ihr Herz rührte. Aber, Sie haben recht, es gibt auch andere Lesarten der Ereignisse, möglicherweise ist seine Frau mindestens mitschuldig an der Katastrophe – ich mag halt Bücher, die auf der letzten Seite nicht zu Ende sind.

All dies wäre Stoff für einen 600-Seiten-Roman gewesen, was Ihnen bekanntermaßen zu schreiben nicht schwer fällt. Wie kam es zur Form der Novelle?

Ich hätte das Buch so nicht freiwillig geschrieben, wenn sich der Verleger nicht mal entschieden was Kürzeres von mir gewünscht hätte.

Da hat er ihnen ja was Gutes getan, denn das Buch ist großartig in seiner Verdichtung. Haben Sie Gefallen an der kurzen Form gefunden?

Sie ist jedenfalls weit schwerer zu erfüllen als ich dachte. Aber ... Sie wissen ja, ich schleppe seit 21 Jahren einen Roman mit mir herum, seit einer Reise, die mich, noch zu Zeiten der Sowjetunion, zum ersten Mal nach Samarkand führte. Und erst jetzt habe ich die Zuversicht gewonnen, diesen Riesenstoff auch wirklich anzupacken, vielleicht geht es ja doch kürzer als bislang gedacht.

Von der Tragödie in einer eleganten Gelehrtenstube geht es also wieder in eine extreme Weltgegend?

Früher habe ich den Wert eines literarischen Werks vor allem nach seinem Satzbau bemessen. Mittlerweile sehe ich immer deutlicher: Es kommt viel mehr auf die Erfahrung an, wie sie nicht zuletzt auch zwischen den Worten steckt. Daß man manchmal in Weltgegenden reisen oder sogar dort wohnen muß, wo es ungemütlicher zugeht als zu Hause, das gehört zum Erfahrungsammeln leider dazu; der Leser würde ja sofort merken, ob eine Sache stimmt oder ob sie nur ausgedacht ist.




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