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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   Weltwirklichkeit erleiden

Weltwirklichkeit erleiden

11/02/2009 - 18/02/2009
Matthias Politycki
Weltwirklichkeit erleiden
Gespräch mit Michael Weiland



erschienen/erscheint in:
Szene Hamburg, März 2009



 
Lässt man die Reise an sich außen vor: Ist der Aufbruch oder die Rückkehr schöner?

Der wichtigste Tag einer Reise ist für mich der Tag der Heimkehr. Beim Aufbruch herrschen Euphorie und Erwartung, vielleicht auch Angst, dass die Reise am Ende doch nicht so schön wird wie erhofft. Das entscheidet sich freilich erst am Tag der Heimkehr: Mit welchen neuen Glücksvisionen und Verzweiflungen komme ich zurück, und wie sehr freue ich mich trotzdem auf das, was zweifelsohne meine Heimat ist?

Der Kosmopolit ist ja auf der ganzen Welt zu Hause. Ist das ein erstrebenswerter Zustand? Und geht das überhaupt?

Warum denn nicht? Kosmopolitismus, vor allem als geistige Haltung, ist doch absolut erstrebenswert – als wahrer Gegensatz zum Globalismus. Stellen Sie sich nur mal vor, es gebe demnächst wirklich in ausnahmslos allen Ländern McDonald’s; in Deutschland haben wir ja schon überall nahezu gleiche Fußgängerzonen. Kosmopolitismus dagegen bedeutet, Vielfalt als Wert zu schätzen und auch für ihren Erhalt einzutreten. Ob einer nun fünf oder fünfzig Länder bereist hat, ist dabei eher Nebensache.

Sind Reisen und Tourismus sich nicht spinnefeind?

Wer ein bisschen was von der Welt sehen möchte, aber auf eine behütete Art und Weise, der muss es eben als Tourist angehen – nicht jedes Land ist ja für jeden gut. Kuba zum Beispiel. Dort sind viele deutsche Pauschalurlauber, wie ich es mitbekommen habe, bei ihren Ausflügen aus den Touristenreservaten zwar durchaus fasziniert von den Einheimischen, aber immer auch ein bisschen vor ihnen auf der Flucht. Kann ich verstehen! Diejenigen, die man in der Fremde zunächst mit Sicherheit trifft, sind meist nicht die Allerangenehmsten; ob in der Karibik, ob in arabischen Ländern, in Afrika, erwartet wird man von Schleppern und Geschäftemachern und schrägen Strolchen, deren man sich manchmal nur mit Gewalt erwehren kann. So gesehen ist es doch gut, wenn wenigstens der Tourismus einigermaßen abgeschottet stattfindet, die Leute sollen ja erholt zurückkommen.

Sie haben sicherlich auch als Tourist angefangen.

Und ich bin es auch immer mal wieder. Auf der Reise mit der MS Europa zum Beispiel war ich es sogar an Land, weil ich eben auch die geführten Ausflüge einer Kreuzfahrt kennenlernen wollte. Natürlich sieht man dabei weniger vom Land selbst, dafür umso mehr von der eigenen – deutschen – Bevölkerung, wie sie sich im Ausland so ganz nebenbei auf den Begriff bringt. Auch der Pauschaltourismus bietet damit seine sehr speziellen Reiseerlebnisse und -erkenntnisse; wenn man ihn ernst nimmt, wird er literarisch hochinteressant – manchmal springt sogar ein Gedicht heraus.

Nimmt man auf einer Kreuzfahrt nicht den eigenen Kulturkreis kurzerhand mit?

Was ist denn unser eigener Kulturkreis? Schon als ich vor 15 Jahren von München nach Hamburg zog, war plötzlich wieder vieles neu für mich, was ich vom Süden weidlich zu kennen glaubte. Und in Hamburg selbst, wo wäre er denn da, „der“ Kulturkreis – in der Schanze oder in Blankenese? Oder gar in Wandsbek?

Haben Sie sich auf dem Kreuzfahrtschiff wohlgefühlt?

Auf jeden Fall; dennoch war meine Reise jenseits der eigenen Befindlichkeit immer auch ein ethnologisches Projekt, ähnlich einer Forschungsreise ins Herz von Afrika, Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur ging sie eben jetzt – als Luxusreise – ins Herz einer spezifisch westdeutschen Luxusgesellschaft, und zwar kurz vor Anbruch der Weltwirtschaftskrise, wo sie wohl noch ihre schillerndsten Facetten zeigte. Wir, die wir in solchen Kreisen normalerweise nicht verkehren, haben zunächst nur deren Zerrbilder vor Augen – gerade in den gebildeten Kreisen, unter Journalisten, Schriftstellern. In Wirklichkeit kennen wir nichts als die Traumschiff-Kulisse, sämtliche Klischees rauf und runter. Deswegen muß man eine solche Reise vor allem als Staunender antreten und wißbegierig, lernbereit, eben wie auf einer Art Expedition, und zwar einer, die auch an die eigenen noch unbeschriebenen Seiten führt.

Hat es Sie mal gereizt, eine Reisereportage zu schreiben?

Weniger, ich bin kein Reiseschriftsteller, gar -journalist, will mit meinen Texten auch nicht primär informieren; indem ich Geschichten erzähle, mache ich ja fast das Gegenteil. Vor der Niederschrift wird die Wirklichkeit, soweit es mir möglich ist, natürlich akribisch recherchiert; in der Umsetzung aber, ohne dass es der Leser merkt, schlägt die scheinbar authentische Beschreibung nicht selten in völlig freischwirrende Phantasie um. Die Schilderung dessen, was ist, ist also nur Mittel zum Zweck, soll den Leser so vom Wahrheitsgehalt des Erzählten überzeugen, daß ich unter der Hand dann umso unbeschwerter Draufloserfinden und -phantasieren kann.

Ist Fernweh ein Leiden? Es steckt ja bereits im Wort.

Es ist wohl ein Nie-zufrieden-sein-Können, man wohnt im schönsten Kiez und hat trotzdem das Gefühl: Ich muss da wieder raus, nämlich dorthin, wo es mir definitiv schlechter gehen wird! Wer das Fernweh bekämpfen will, muß es paradoxerweise mit einem anderen Leiden tun, dem Erleiden fremder Weltwirklichkeit. Denn jede Wirklichkeit ist, sofern man sie lang genug als Alltag wahrgenommen hat, irgendwann abgenutzt, die schroffen Kanten haben sich geglättet. Gerade die Abwesenheit scharfer Kanten aber schmerzt, vielleicht ein Phantomschmerz? Jedenfalls suchen wir in der Ferne nicht nur den perfekten Strand mit dem perfekten Sonnenuntergang, wir suchen dort weit existentiellere Erfahrungen, und die tun nicht selten erst mal richtig weh. Aber mit diesem neuen Erfahrungsschatz, den Bildern, den Gerüchen, der Musik, dem Schweiß, dem Fluchen-und-trotzdem-Beschissenwordensein kehren wir nach Hause zurück. An dieser neu aufgeschütteten Erfahrungshalde – dem, was man jenseits aller Demütigung als eigene Würde im Fremden hat bewahren können (oder eben nicht) – hat man dann erst mal wieder eine Weile abzutragen.

Kann man auch Orte abnutzen, die man nur als Reisender kennt?

Oja, in meinem Fall zum Beispiel Santiago de Cuba, einfach deshalb, weil ich dort halt schon oft war. Die Stadt ist freilich für mich im guten Sinne verbraucht, ich kann dort mit gesenktem Kopf gehen, nicht mal die Strolche vom nächsten Straßeneck können mich noch überraschen. Und vor allem finde ich selbst vom entlegensten Viertel immer nach Hause. In Hamburg hingegen längst nicht von überall, da beginnt das Unbekannte schon jenseits von „Schotthorst“ und „Meisenfrei“ – ist doch spannend, daß die Fremde in der Heimat oft so nah liegt, oder nicht?




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