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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   Ein Satiriker auf Kreuzfahrt

Ein Satiriker auf Kreuzfahrt

05/08/2008 - 10/08/2008
Matthias Politycki
Ein Satiriker auf Kreuzfahrt
Interview: Jörg Steinleitner



erschienen/erscheint in:
gekürzt in: Thalia Magazin 3/08

 
Herr Politycki, es ist ja meist nicht die schlaueste Herangehensweise, einen Schriftsteller zu fragen, wie er denn auf die Idee für seinen Roman gekommen ist. Bei Ihrem aktuellen Buch In 180 Tagen um die Welt wollen wir dies aber doch tun, denn erstens sind Sie dafür wirklich auf einem Kreuzfahrtschiff um die Welt gereist und zweitens benennen Sie in diesem Buch Menschen, die Sie tatsächlich kennengelernt haben. Also zunächst mal: Wie kam es zu Ihrer Kreuzfahrt?

Hapag-Lloyd hatte mich eingeladen, nach dem Vorbild der Stadtschreiberschaften ein halbes Jahr lang als „Schiffsschreiber“ auf der „Europa“ zu fahren – eine einmalige Chance, unsre Gesellschaft auch mal von der Spitze der Wohlstandsskala aus kennenzulernen. Und in der Durchführung dann fast so was wie eine äußerst luxuriöse Polarexpedition, ein Aufbruch ins literarisch Unerforschte.

Und wie kam es dann zum Roman?

Die Idee dazu hatte ich als alter Jules-Verne-Fan in dem Moment, da ich anhand der Kataloge feststellte, wie lang eine Weltreise trotz aller globalistischen Dynamisierung ausfallen kann: Vor dem inneren Auge sah ich meine Hauptfigur tapfer die Gangway hochgehen – in eine Welt, mit der’s ein kleiner Finanzbeamter ja wirklich nur zu tun bekommt, wenn er einen Sechser im Lotto hat. Und es interessierte mich sofort, wie hoch hinaus er’s dort dann bringen würde, obwohl er ja ganz und gar nicht dazugehört. Solche „Primärvisionen“ sind ebenso unerklärlich wie unverrückbar, entweder man setzt sie entsprechend um oder man läßt es lieber ganz.

Was halten Sie von den Kleidungsempfehlungen – „Im Europa-Restaurant sowie in den Spezialitätenrestaurants auf Deck 4 tragen die Herren Jackett bzw. einen Sommeranzug und Krawatte“ – auf Kreuzfahrtschiffen?

Viel! Eine Luxuskreuzfahrt ist nun mal immer auch ein gesellschaftliches Ereignis, in der gewisse Spielregeln gelten; wer lieber in Jesuslatschen reist, findet mittlerweile ja genug andere Schiffe.

Ein halbes Jahr ist lang. Verspürten Sie nicht auch mal Langeweile?

Wenn Sie eine Kreuzfahrt auf allen Ebenen miterleben wollen, so ist das wirklich jeden Tag aufs neue spannend – denken Sie an das umfangreiche Unterhaltungsprogramm, an die zahlreichen Landgänge, nicht zuletzt auch an die Mannschaftsdecks; überdies habe ich ja jeden Tag gearbeitet.

Und Heimweh? Zweifelten Sie dann an Ihrem Entschluss, sich so etwas anzutun? Was taten Sie in solchen Situationen?

Heimweh ist auf einer Halbjahresreise nicht zu vermeiden; am Ende hielt mich aber (neben Satellitentelephon und Emails) meine „Primärvision“ an Bord, ich wollte dieses Buch unbedingt schreiben, und ich wußte, daß es eine zweite Chance dazu nicht geben würde.

Jetzt einmal bitte ganz ehrlich: Sollte jeder Mensch einmal im Leben eine Kreuzfahrt gemacht haben?

Das kommt auf den Menschen an. Es ist jedenfalls anstrengender, als ich vermutet hatte; aber die Faszination des Meeres können Sie auf einem Rucksacktrip eben nur vom Strand aus erleben.

Haben Sie bereits an Bord begonnen, den Roman zu schreiben? Oder ging es hier lediglich um Recherchen? In welchen Arbeitsschritten ist das Werk entstanden?

Ich habe jeden Tag einen fiktiven Logbucheintrag auf meine Homepage gestellt, dazu ein Photo dessen, was es beim ersten Blick aus dem Fenster (Bullaugen sind auf solchen Schiffen ja selten) zu sehen gab. So entstand bereits eine lose Folge von Anekdoten, die sich aus realen oder, vor allem, ausgedachten Erlebnissen an Bord und an Land speisten; daraus habe ich nach meiner Rückkehr, allerdings noch mal ganz von vorn, den eigentlichen Roman gebaut.

Ihr Held und Erzähler des Bordtagebuchs ist der Finanzbeamte Johann Gottlieb Fichtl aus Oberviechtach. Weshalb haben Sie sich für ihn, den bauernschlauen Bayern mit dem „Aldi-Smoking“ entschieden?

Wer eine Satire auf unsre Luxusgesellschaft (nicht etwa nur auf diejenige an Bord von Kreuzfahrtschiffen) schreiben möchte, der braucht eine Hauptfigur, die in keinster Weise dazugehört, ja mehr noch, die nicht einmal in den üblichen Vorurteilen darüber befangen ist. Nur so hat sie den „naiven“ Blick und kann als teilnehmender Beobachter – fast – völlig wertfrei drauflosstaunen und dann auch -erzählen. Daß Fichtl in seinem Logbuch zunehmend übertreibt, die Fakten arg zurechtbiegt, schließlich komplett ins Blaue hinein fabuliert und seine Leser also im Grunde permanent an der Nase herumführt wie ein neuer Baron Münchhausen, ist dann ein zusätzlicher Spaß.

Wir mussten bei unserer stillen Lektüre mehrmals laut über Ihre Beschreibungen lachen. Die ZEIT bezeichnete Sie als „eminenten Humoristen“. Können Sie formulieren, wie Sie aus einer vielleicht gar nicht so witzigen alltäglichen Beobachtung eine sehr lustige kleine Situation destillieren? Was sind für Sie die „Zutaten“ oder „Parameter“ einer gelungenen witzigen Situationsbeschreibung?

Satire hat stets einen ernsten Kern, sie basiert auf Gesellschaftskritik, die nur des Lesevergnügens wegen ins Heitere transponiert wurde. Auch In 180 Tagen um die Welt ist nur an der szenischen Oberfläche vergnüglich – Heiterkeit ist im Grunde eine todernste Angelegenheit.

In der Vorbemerkung schreiben Sie, dass Sie in vorliegendem Buch nicht Ihre tatsächliche Reise schildern würden. Meinen Sie das auch geographisch? Oder aber haben Sie die in Ihrem Buch geschilderten Orte schon besucht?

Ich habe nur diese eine Weltreise gemacht auf diesem einen Schiff – und hatte also gar keine Wahl, eine andre Route zu erfinden. Denn auch die freischwebende Phantasie wird für den Leser nur glaubhaft, wenn der Autor seinen Gegenstand „von der Pike auf“ kennt, in meinem Fall also sowohl Schiff wie sämtliche Destinationen mit den Augen seiner Hauptfigur studiert hat. Um’s ganz klar zu sagen: Die geschilderte Reise ist vom Verlauf her meine eigene; alles, was davon an „Begebenheiten“ erzählt wird, ist hingegen Fichtls angeblicher Reisebericht für seine Freunde daheim.

Und welcher Ort hat Sie da am meisten überrascht und weshalb?

Hamburg, am Tag meiner Rückkehr. Es war so schön, daß es locker mit Sydney oder Singapur mithalten konnte – eigentlich unglaublich, aber wenn man den tatsächlichen Vergleich frisch in der Erinnerung hat: sensationell beruhigend.

„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön“ heißt es in einem bekannten Volkslied. Können Sie das so stehen lassen oder welche beiden Adjektive würden Sie für „lustig“ und „schön“ einsetzen?

Ich würde nicht die Adjektive verändern, sondern die Verben – eine Seefahrt kann lustig und schön sein, sie ist es freilich nicht für jeden und zu jedem Zeitpunkt. Aber das gilt für alle anderen Arten des Reisens auch; bevor man aufbricht, muß man sich halt erst mal selber einigermaßen kennengelernt haben.

Herr Politycki, vielen Dank für das Gespräch.




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