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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   "Sie müßte nirgendwo halten"

"Sie müßte nirgendwo halten"

17/11/2006
Matthias Politycki
"Sie müßte nirgendwo halten"
Interview mit Cornelia von Wrangel



erschienen/erscheint in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.06

 
Herr Politycki, Sie sind Schiffsschreiber auf der MS Europa, fahren mit diesem Luxusschiff in 180 Tagen um die Welt. Was machen Sie gerade?

Nichts, und zwar im Liegestuhl auf dem Sonnendeck – das stellen Sie sich doch so vor? In Wirklichkeit sitze ich auf meinem Balkon und arbeite, immerhin rauscht das Meer dazu.

Und wo stecken Sie gerade?

In allem anderen als einer aussichtslosen Lage. Wir fahren gerade von Kreta nach Cypern, tagesplanmäßig stecken wir zwischen dem Kreuzworträtseln in der Bibliothek (9:00) und den „Evergreen Juniors“, die ab 22:30 zum „Tanz in die Nacht“ laden.

Ursprünglich mußte ja der Schiffsschreiber von den Namen und der Anzahl der Reisenden und von allem, was auf dem Schiff vorgeht, ein „richtiges Verzeichnis halten und wohl Acht geben“. Tun Sie das auch?

Weit eher führe ich ein „unrichtiges Verzeichnis“ – alle Figuren, auf die ich hier „achtgebe“, habe ich ja extra für diese Reise erfunden und an Bord gebracht; was die tatsächlichen Ereignisse auf der EUROPA betrifft, bin ich fast schon so diskret wie der Concierge.

Sie sind jetzt schon ein paar Tage unterwegs. Was ist Ihnen da besonders aufgefallen?

Das Abreisen ist schöner als das Ankommen, ein kompletter Seetag schöner als ein Tag mit Landgang – verrückt, nicht? Für einen wie mich müßte das Schiff nirgendwo halten, das pausenlose Weiterfahren erscheint mir geradezu als höchste Form der Kreuzfahrerei.

Ihr letztes Buch „Herr der Hörner“ spielt auf Kuba, handelt von einem Hamburger Bankier, dem Reiz archaischer Riten und ist eine Klage über die westliche Dekadenz. Haben Sie an Bord neue Erkenntnisse über die westliche Dekadenz gewinnen können?

Eine Klage? Doch wohl eher eine Fallstudie darüber mit schlimmstmöglichem Ausgang. Dekadenz ist jedenfalls nicht an der Länge eines Buffets ablesbar; eher an der Charakterfestigkeit dessen, der sich diesem täglich konfrontiert sieht. Hier schneiden ältere Herrschaften übrigens deutlich besser ab als der Rest, wahrscheinlich nähren sie sich noch zum erheblichen Teil von inneren Werten.

Und als was betrachten Sie den Golfsimulator an Bord?

Nach wie vor als eine Herausforderung. Heute nachmittag werde ich versuchen, mich ihr auch endlich zu stellen.

Gibt es irgendwelche Dinge, die Ihnen jetzt schon auf die Nerven gehen? Immerhin sind Sie noch ein paar Monate unterwegs.

Ja, mitunter ich selbst. Weil es auch auf einem Schiff unglaublich viele Parallelwelten gibt und weil ich mich oft nicht zwischen ihnen entscheiden kann: MS Buridans Esel.

Umgekehrt gefragt: Was schätzen Sie an Bord besonders?

In alphabetischer Reihenfolge: Andrea, Anne, Dirk, Jochen, Lena, Monika, Martina, Stefan, Töni, Yalçin ... und wie sie alle heißen, die uns hier täglich mit ihrer Fünfsterneplus-Herzlichkeit in Schwung bringen.

Kannte übrigens ein Passagier vor Ihren Lesungen an Bord Ihre Bücher?

Andre werden von Hapag-Lloyd ja gar nicht mehr an Bord gelassen! Seitdem die Meldung draußen ist, daß ich hier für die nächsten sechs Monate mitfahre, wird jeder Passagier mit einer schweinsledernen Ausgabe meiner Gesammelten Werke auf der Kabine konfrontiert.

Auf Ihrer Internetseite führen Sie so etwas ein Bordtagebuch. Am Tag Ihrer Abreise, dem 5. November, haben Sie dort notiert: „Es ist windig, die Matrosen sind dennoch konzentriert. Seit Tagen putzen Sie die Armaturen der Schiffszimmerei. Das allerdings wird ihnen zum Verhängnis werden.“ Warum? Was ist passiert oder passiert noch?

Das geht als kleiner Tusch an „futur-zwei“, die mir meine Homepage speziell für diese Reise programmiert und mir dabei auch gleich einen ersten Bordtagebuch-Eintrag spendiert haben. Es wird natürlich trotzdem Schreckliches passieren, allerdings eher beim Juwelier, wo die Lange- und Patek-Philippe-Uhren langsam knapp werden.

Am 15. November schreiben Sie von Fasthuber, der eigentlich doch ganz in Ordnung sei und Ihnen rät, wenn es am nächsten Abend wieder Tahiti-Vanillecreme im Knusperbeißholz zum Nachtisch gebe, auf dreierlei Mousse zu beharren. Wer um alles in der Welt ist „Fasthuber“. Schon Ihr neuer Romanheld oder ein neuer Freund?

Wer um alles in der Welt ist „Sie“? Doch wohl ganz bestimmt nicht ich selbst! Der das tägliche Bordbuch führt heißt Johann Gottlieb Fichtl, ein kleiner Steuerbeamter mit Hang zur Motivkrawatte, und Herr Fasthuber ist auf keinen Fall sein Freund.

Gibt es unter den Mannschaftsdecks tatsächlich Kielschweine? Oder gehört das auch in die Welt der Phantasie?

Bei günstigen Windverhältnissen hört man mitunter ihr zufriednes Grunzen. Die Schlingel vom Maschinenraum mästen sie mit den Resten der Gala-Diners, auf daß sie selbst eines Tages zu Gala-Diner verarbeitet werden.

Ihre Tagebuchseiten beginnen immer mit einer genauen Angabe darüber, wie das Wetter um sechs Uhr morgens ist. Stehen Sie tatsächlich jeden Tag so früh auf? Und wenn ja, warum?

Nein, das tut an meiner Statt der wachhabende Offizier, der die Daten von der Brücke ans bordeigne „Cruisenet“ weitergibt. Ich bin jedoch wild entschlossen, ihm eines Tages zuvorzukommen.

Abends wird es doch bestimmt auch mal später. Der geneigte Fernsehzuschauer kennt das aus der Serie „Traumschiff“: Ein Captains Dinner jagt da das nächste. Bei Ihnen auch?

Verwechseln Sie die EUROPA mal nicht mit der DEUTSCHLAND! Auch Traumschiffe brauchen ein Vorbild.

Vor Ihrer Abreise haben Sie gesagt, daß Sie an Bord auch gesellschaftliche Pflichten übernehmen wollten. Sind Sie auch Eintänzer, führen alleinstehende Damen aufs Parkett und machen Sie glücklich?

Wo denken Sie hin! Das würde der hauptamtliche Host gar nicht zulassen, schließlich hat man ihn dafür extra eingestellt. Sein Pendant, die Hostess, kümmert sich derweil um all die anderen.

Überhaupt: Liegt das Publikum dem Dichter schon zu Füßen?

Auf einem Kreuzfahrtschiff liegt es traditionellerweise dem Kapitän zu Füßen: Friedrich Jan Akkermann ist geradezu die Inkarnation desselben, seine Dienstuniform ist aus reinstem Seemannsgarn gesponnen.

Sie wollen auf Kuba, wo sie drei Monate für Ihren letzten Roman recherchiert haben, Rum kaufen. Auf was werden Sie mit diesem Rum anstoßen?

Aufs neue Jahr – wir erreichen Santiago de Cuba am 30.12. Einen „Ron Mulata“ gibt es nämlich noch nicht mal auf der EUROPA.

Und was wird Ihre erste Tat an Land sein?

Alle Fahrrad-Rikschafahrer beschimpfen, die den Ausgang des Hafengebäudes blockiert halten. Dann die Jungs, die mir „ron, chica, monte cristo, good prize“ versprechen. Dann diejenigen, die mir einen Schluck aus der Rumflasche abschnorren wollen. In summa: eine rasche Rückkehr an Bord anstreben.




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