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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   Wilde Welten

Wilde Welten

18/08/2005
Matthias Politycki
Wilde Welten
Gespräch mit Andrea Fonk über Kuba und den "Herrn der Hörner"



erschienen/erscheint in:
leicht gekürzt in: Szene Hamburg, 9/2005.

 
SZENE HAMBURG: Ihr Roman spielt auf Kuba, aber ganz im Süden, in Santiago.

Matthias Politycki: Havanna empfinde ich als deprimierend, die Altstadt ein einziger Unesco-Zoo, toprenoviert, und außen herum nur Ruinen. Santiago liegt 1000km entfernt in einer herrlichen Bucht. Es ist fest in der Hand von Schwarzen und Mulatos, weit eher eine afrikanische als eine spanische Stadt. Als Weißer gerät man da schnell auf einen anderen Trip.

Wie entstand die Geschichte über den Bankier Broder Broschkus, der ein Mädchen sucht und dabei von einer dunklen, mystischen Welt in Besitz genommen wird?

Meine Frau und ich sind mittags in eine Kneipe gelotst worden, dort hat mich ein hübsches Mädchen zum Tanzen aufgefordert. Später lief sie mir sogar nach und wollte einen Geldschein von mir gewechselt haben. Den ich gleich wieder an einem Straßenstand ausgab. Erst als wir zurück im Hotel waren, dachte ich: Moment mal, wieso ausgerechnet von mir? Und indem mir die Antwort  einfiel, geriet ich in Gedanken sofort in eine Geschichte, es war wie eine Vision: Weil auf dem Schein etwas draufstand! Was wäre, wenn ich jetzt zurückginge zum Straßenstand und ... als ich meiner Frau erzählte, was man dort und in Folge vielleicht hätte erleben können, entschied sie kurzerhand: Das ist ja ein ganzer Roman! Da wirst du wohl zurückkehren müssen, wenn du ihn wirklich schreiben willst, du musst das Mädchen finden. Am besten suchen wir dir gleich morgen eine Wohnung.

Waren Sie damals schon an Santeria, Voodoo und Ähnlichem interessiert?

Nein. Dass es Kulte gab, wusste ich, aber natürlich nicht, welche. Wenn man als Tourist durch die Straßen läuft, kriegt man das auch überhaupt nicht mit. Wer die Zeichen aber zu lesen versteht ...
Ich habe dann erst mal Spanisch gelernt in einem Crashkurs in Salamanca. Als ich sieben Monate später zurück nach Kuba kam, konnte ich das aber alles gleich wieder vergessen, denn die sprechen dort ja eine Art bayrisches Spanisch – und zwar tiefstes oberbayrisches! Ständig fragte mich einer, was ich denn bei ihnen wolle: Trommeln lernen? Tanzen lernen? Eine Frau? Und ich immer nur: Einen Roman will ich schreiben. Da waren sie erst mal ruhig.

Wie war das Leben dort?

Anfangs war ich voll damit beschäftigt, den Alltag zu bestehen, der ist dort wirklich hart. In meinem Viertel war ich zwar bekannt, aber außerhalb gewissermaßen Freiwild: Überall wurde ich angebaggert, und zu der Zudringlichkeit kommt dann immer auch noch die große Hitze.

Broschkus fühlt sich als Weißer den Kubanern immer wieder unterlegen.

Es ist nicht leicht, auf Augenhöhe mit ihnen zu reden, ohne den postkolonialen Europäer raushängen zu lassen oder, andrerseits, in ihren Augen einen Schlappschwanz darzustellen. Ich kenne das auch aus Afrika, anscheinend reizt es mich immer wieder, mich in archaischer strukturierten Welten durchzubeißen – ohne den Stolz als aufgeklärter Mitteleuropäer zu verlieren. Es ist ja schon nicht leicht, eine neue Selbsteinschätzung als Mann zu finden –  eine kräftigere, selbstverständlich, sonst wäre schon akustisch nichts zu machen.

Haben Sie die Zeit als eine Art Schule empfunden?

Ja, als eine sehr harte. Ich sehe seitdem vieles, was hier läuft, anders. Vorher habe ich es vielleicht geahnt, vielleicht sogar gewusst, aber eben nur theoretisch.

Was?

Letztlich, dass wir eine untergehende Hochkultur sind. Und dass überall um uns herum wildere Welten sind. Es fängt ja schon in Polen an. Wenn ich dort Lesungen habe, spüre ich eine ganz andere Vitalität, dort ist man noch "hungrig".

Verweichlichen wir?

In gewisser Weise ja, wir begreifen uns ja stets aus einer Position der Vernunft. Der Vernünftigere hat zwar angeblich recht, in solchen Ländern bekommt er es allerdings deswegen noch lange nicht: Das Leben ist eben nicht überall so, wie wir es uns wünschen und zumindest in unserem kleinen mitteleuropäischen Bereich ja inzwischen auch weitgehend umgesetzt haben. Möglicherweise brauchen wir jetzt aber einen Schuss Gegenaufklärung, um das zu bewahren, brauchen zumindest eine wehrhafte Form von Aufklärung. In manchen Ländern muss man sich schlichtweg durchsetzen, und das tut man nicht, in dem man sophistisch argumentiert. Schöner Satzbau zählt dort nicht, die Körpersprache schon. Wie ein Einheimischer kriegt man's natürlich nie hin, aber es reicht manchmal schon, eine entschlossenere Haltung anzunehmen und  zu sagen: Moment mal!

Bei den Geheimreligionen, die Sie schildern, hat man den Eindruck, dass es vor allem darum geht, Böses abzuwehren.

Das gehört bei den afrokubanischen Kulten ebenso selbstverständlich dazu wie das Erbitten des Guten. Auch mit Schadenzaubern wird sehr häufig gearbeitet, nicht selten aus einer Grundeifersucht heraus: auf all die, denen es in gewisser Weise besser zu gehen scheint. Während eines Rituals, bei dem es eigentlich um etwas ganz anderes ging, wurde ich unvermittelt gefragt: "Wer sind deine Feinde?" Ich wehrte ab: "Was hat das damit zu tun?" Die schlichte Antwort: "Die könnten wir doch nebenbei gleich mitvernichten. Oder ihnen zumindest Schaden zufügen." Da musste ich erst mal sehr lange nachdenken.

Wie viele Namen sind gefallen?

Ich hab' mich dann auf einige Literaturkritiker beschränkt.




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