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Matthias Politycki Radio
 Erzählungen   Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus

Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus

15/05/2003
Matthias Politycki
Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus


erschienen/erscheint in:
ADAC-Reisemagazin Hamburg, 3/04 (ursprünglich geplant als zweites Kapitel des Romans Herr der Hörner); in: Ralph Doege, Christiane Barnaházi, Jürgen Schütz (Hg.s): Perspektivenwechsel No 1/Julio Cortázar: Fantomas gegen die multinationalen Vampire und andere Erzählungen aus und über Lateinamerika. Wien: 2009. http://www.septime-verlag.at

 
Nie wieder gratinierter Walfischhoden auf Trüffelpüree,
nie wieder beheizbare Außenspiegel, nie wieder Deutschland!
Aus dem Haus ging Broschkus zur gewohnten Zeit, schickte von der Straße sein Lächeln zurück, in der Aktenmappe nichts als ein Spanischlexikon, ein Dollarbündel, ein Jugendphoto seiner kürzlich verstorbnen Mutter. Bis zum Abflug hatte er fast noch acht Stunden Zeit, einen Koffer voller Dinge zusammenzukaufen, im Vorbeigehen warf er das Handy in eine Mülltonne, erfreute sich an seinem Stecktuch, den Manschettenknöpfen und dem riesig ausgeleuchteten Himmel. Wie weit die Welt an solch stilvoll ausstaffierten Tagen selbst in Harvestehude scheinen konnte!
Als er, der Macht der Gewohnheit ein letztes Mal sich hingebend, am Jungfernstieg dem U-Bahn-Schacht entstieg, vorbei schon am Gesundheitshändler, den er in seinem früheren Leben Salatblätter für die Mittagspause hatte zusammenraffen lassen, und Schritt für Schritt weiter, dem unerhörten Ereignis entgegen, beschloß er, sich etwas zu gönnen: den Spaziergang zu gönnen, den er sich siebzehn Jahre lang verkniffen hatte, sobald der Blick, vom Bildschirm befreit, erst in die üppig weißen Seidenrosen fiel auf der Fensterbank, dann auf die Baumkronen draußen am Ballindamm und dann, in selten verlornen Momenten, auf die grauen Wasser dahinter, auf die geräuschlos gleitenden Schiffe der weißen Flotte und, vor allem, die riesige Fontäne, die aus all dem empor und in den Himmel schoß: Diesen Spaziergang, einmal um die Binnenalster herum, jetzt würde er ihn machen, als letzte Bestätigung seines längst in aller Heimlichkeit bereiteten Abschieds. Während ihm papierfarbene Frauen in Kostümen entgegenwogten und Sockenträger in Sandalen, lachend.
Nie wieder Männer, die jedem die Schulter klatschten, wenn sie einen Witz erzählt hatten, nie wieder Frauen in flachen Schuhen, die das mit Selbstbewußtsein verwechselten, nie wieder! Zeit war‘s, höchste Zeit.
Und da strich er auch schon am „Friesenkeller“ vorbei, wo den Kleinkundenkönigen (50.000 Euro Einlage, lachhaft!) von der SPARDA die Weltwirtschaftslage verkündet wurde, fast wäre er über einen Penner gestolpert, der mit Pappschild mitten im Fußgängerstrom saß, strich vorbei an den Schaufenstern des Schmuckhändlers, dem er vor fast fünfzehn Jahren Verlobungsringe abgekauft hatte, aus einer Laune heraus, gewiß, da war er noch Sachbearbeiter mit kleiner Handlungsvollmacht gewesen, aber wenige Schritte später, endlich hatte man ihn zum stellvertretenden Abteilungsdirektor ernannt, da stand er vor den Fenstern des nächsten Juweliers, oh, dort war damals ein Paar unpassend teurer Hochzeitsringe zu sehen gewesen. Noch hinterm Alsterhaus durfte er ganz unverhohlen lächeln, einem Akkordeonspieler warf er einen Euro zu, aus der Querstraße leuchtete die Turmspitze des Michels, aus der Passage vom Hamburger Hof drangen die gleichmäßig desinteressierten Herumtapsereien eines Jazzpianisten.
Schon wieder ein Juwelier.
Und noch einer, meine Güte. Welch eine Fülle an Frauen, mit und ohne Einkaufstüte, blond bis ins Knochenmark. Mit einem letzten Blick Richtung Gänsemarkt lächelte sich Broschkus in den Neuen Jungfernstieg hinein, in weitem Bogen um den Alsterpavillon herum, wo er bis vor kurzem Tortenstücke vertilgt hatte, vorzugsweise mit mißtrauischen Witwen, die alles besser wußten. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kollegen verfügte er just über jenen Grad an Korpulenz, der von seinen Kunden als seriös empfunden wurde, da hatte er noch von „baldiger konjunktureller Erholung“ schwärmen dürfen, wo andre längst zur Flucht ins Festverzinsliche drängten, und auch hausintern hatte er noch eine ganze Weile davon gelebt, daß er (und seine nach außen sehr konservativ sich gebende Transaktionspolitik) ein Leben lang unterschätzt wurde. Wahrscheinlich weil er sich aus dem Tagesgeschäft hochgedient hatte, ein fleißiger Praktiker ohne Hang zum Visionären, vielleicht auch weil er sich selbst als Leiter der Wertpapierabteilung nicht zu schade war, die Assistenten seiner Kunden zum Essen einzuladen und ihren Sekretärinnen Geburtstagssträuße vorbeizubringen. Zugegeben, noch nach der Jahrtausendwende hatte Broschkus nicht schlecht gelebt, zwischen englischen Spanntapeten, auf denen man zur Jagd blies, einem stummgeschalteten ntv-Programm mit den durchlaufenden Notierungen, der Reuters-Homepage und einem verschachtelten Excel-Dateiensystem – bis dieser Crash auf Raten begann, dieser über Jahre sich hinziehende Untergang der gesamten IT-Branche und schließlich auch der Old Economy, sogar in diesem Jahr noch hatte er sich fortgesetzt, ein historischer Tiefststand nach dem andern, Weltenende. Wenn man’s freilich ganz genau bedachte, so war Broschkus‘ eigner Untergang schon eine Weile zuvor eingeläutet worden, auf dem Höhepunkt der Hausse Ende der neunziger, als er sich hatte überreden lassen, in großem Stil beim Neuen Markt zuzugreifen, bei fernöstlichen Internetwerten, bei russischen Ölfirmen und ... bei weiteren Verbrecherpapieren, wie er jedem erklärte, der’s nicht hören wollte, zu einer Zeit der zweistelligen Renditeerwartung, da er seine Kunden gern zum Champagnertrinken auf einer Segelyacht oder beim Hamburger Derby eingeladen, nicht zum Schaden von Hase & Hase.
Ein letzter Blick dann gleich wieder nach links, in die schräg abzweigende Häuserflucht der Colonnaden, an deren anderem Ende er seit einem knappen Vierteljahr Spanisch gelernt hatte, Kurs auf Kurs und den Rest der Zeit in umliegenden Cafés, Hausaufgaben verfertigend, Vokabellisten. Während Kristina geglaubt hatte, er ginge ins Büro wie eh und je, schlüge sich mit seinen beständig ins Bodenlose fallenden Verbrecherpapieren herum und ebenso beständig lockenden Gewinnen bei Leerverkäufen, denen er Anfang vorigen Jahres in seiner Not nachzujagen begonnen, verstärkt schließlich dann auch mit Turbo-Zertifikaten zwecks Abwärtsspekulation auf diverse Indices: zum Wohle seiner Kunden, wohlgemerkt, zum Wohle nicht zuletzt auch der Hase & Hase KG.
Gut, daß er Kristina vor Jahren schon überzeugt, während der Bürozeiten gar nicht erst zu versuchen, ihn anzurufen, sehr gut. Über den Jahreswechsel war er gerade noch mit seinem Lieblingstrick gekommen, Spekulationsverluste realisierend, ab dem 7. Januar aber bereits, dem Tag nach seiner Rückkehr ins Tagesgeschäft, dieselben Papiere sanft zurückkaufend – so daß er den Anlegern das Gefühl geben konnte, ihre Verluste seien im Grunde nur halb so schlimm, schließlich beteilige sich der Fiskus daran. Wobei die Vision auf zukünftigen Gewinn ja gewahrt blieb; dann aber, Anfang März, mußte er sich vom Niederlassungsleiter in gedämpftem Tonfall belehren lassen, man habe soeben mit dem Regionalbereichsleiter Nord gesprochen. Jahrelang habe man Broschkus ja sehr gefördert, und es schmerze nicht wenig, daß man nun seinen Lieblingsprokuristen – der Niederlassungsleiter sagte seit je „mein Lieblingsprokurist“ – so herb abstrafen müsse, doch der neue Partner in Frankfurt fürs Privatkundengeschäft gebe nun mal seine Prinzipien vor. Ja, abstrafen müsse, das habe Broschkus richtig gehört: Ausgerechnet seine älteste Stammkunden hätten sich zusammengetan, anscheinend schon seit dem vorjährigen Hase & Hase-Golfturnier, und nun mit einer Klage gedroht, einer Klage auf Schadenersatz. Über zweieinhalb Millionen hätten sie insgesamt verloren aufgrund höchst spekulativer, ja dubioser Engagements, wie sie sich ausdrückten: Warum ein erfahrner Mann wie Broschkus sie nicht wenigstens davor gewarnt hätte, wenn er die Research-Vorgaben schon so eigenmächtig hinterging? Ausgerechnet Broschkus, der bei den Frankfurtern – der Niederlassungsleiter sagte seit je „die Frankfurter“ - stets als konservativ, fast als ein wenig zu konservativ gegolten habe, zu vorsichtig, zu unaggressiv? Aber ehe der auf seine Telephonmitschriften verweisen konnte, wurde bereits genickt, jaja, es sei eine loyalitätsarme Zeit, schlechte Performance rechtfertige jede Art von Vertrauensbruch, trotzdem müsse man die Vorgänge natürlich an die Revision geben. Schließlich habe Broschkus nicht nur hausinterne Auflagen ... und zwar systematisch ... seit annähernd einem vollen ... mißachtet, sondern auch ... Ob er anstelle der Abmahnung nicht eine Abfindung vorzöge?
Dabei hab‘ ich doch alles richtig gemacht! schwieg Broschkus. Spätestens zum Verfallstermin am Monatsende, wenn seine Maßnahmen endlich griffen, jede Wette, würde man sich wieder einmal kistenweise mit Bordeaux bei ihm bedanken! Und erst recht, zugegeben, wenn er letzthin, bei der Order auf chinesische Optionsscheine, nicht „unlimitiert“ gesagt hätte, „ein Mal im Leben unlimitiert agieren, verstehen Sie?“ Was konnten seine Gesprächspartner, was konnte der Niederlassungsleiter, was konnte die Zentrale in Frankfurt denn wissen von all den honigbraunen Gedanken, die ihm seit seiner Rückkehr aus Kuba zwischen die Kalkulationen fuhren und vor die Hochrechnungen, was konnten sie auch nur ahnen davon, daß er in solchen Momenten des Erschauerns die vorbeiflimmernden Zahlenkolonnen nicht mal mehr ordentlich zu entziffern wußte, geschweige zu interpretieren, weil seine Welt gerade von einem grünen Leuchten überstrahlt wurde, von abgründig grünem Leuchten mit einem schmalen braunen Strich darin, einem Sprung oder eigentlich Fleck? Daß er dann, anstatt den Schwankungen hinterm Komma ihre Geheimbotschaften zu entreißen, daß er dann aufpassen mußte, von diesem Sprung in der Welt, von diesem Abgrund nicht verschlungen zu werden und schnell nach verschwitzten Zehnpesoscheinen greifen oder seltsam vergebliche Ferngespräche tätigen oder von gefleckten Leibern träumen mußte, vom GANZ ANDEREN, wenn er einmal deutlich werden durfte: Herr Doktor Broder Broschkus, der siebzehn Jahre lang nur für seine Stammkunden gelebt hatte, immer öfter war ihm der Blick über die Seidenblumen gerutscht und durch die Baumkronen aufs Wasser, zu oft, um in diesen unruhigen Zeiten Fehler zu vermeiden, Fehlentscheidungen, entscheidende Fehlentscheidungen.
Der Rest war Selbstabwicklung gewesen und eine Angelegenheit von Monaten. Wer weiß, ohne die Verschwörung seiner Hauptklienten hätte er den Absprung vielleicht gar nicht geschafft, als bloßer Aussteiger wäre er sich seit je unglaubwürdig vorgekommen, nein, dazu verlief sein Leben hier viel zu angenehm geordnet und viel zu angenehm unaufgeregt. Nun aber war‘s plötzlich wieder ernst und heftig geworden, das Leben, nun aber galt es, den Entschluß, den er bereits auf dem Rückflug von Santiago gefällt und dann Tag für Tag verschoben, revidiert, verworfen und erneut gefaßt hatte, Nacht für Nacht, nun galt es, den Entschluß auch endlich umzusetzen. In aller Konsequenz. Und ohne falsche Sentimentalitäten, wie er’s von seinen Kollegen aus der Kreditabteilung kannte, wenn sie mal wieder eine Firma liquidierten. Wobei er weiterhin jeden Morgen das Haus so pünktlich verließ, daß Kristina keinen Verdacht schöpfen konnte.
Nie wieder ungedeckte Calls, nie wieder Exotenpapiere, nie wieder Window-Dressing zum Jahresende! Nie wieder Trennkost, Vollkasko, Frühwarnsysteme!
Ach, Kristina. Hoffentlich hatte sie ihn wenigstens die letzten Jahre betrogen, nach dem Ende der Gesprächsversuche. Anstatt bloß klaglos zu verblühen in all ihrer Broschen- und Perlenketten-Perfektion, immer schmaler war sie im Lauf der Jahre geworden, immer durchsichtiger – ein bißchen weniger Geigenspiel hätte ihr gewiß gutgetan. Aber nein, noch im Nachtgewand verbreitete sie diese hermetisch inszenierte Geschlechtslosigkeit, und erst im Schlaf, wenn sie die Kontrolle über ihre Gesichtszüge verloren, zerfloß all ihre kühl abweisende Eleganz in etwas, das er einmal sehr geliebt hatte: Schon lang hatte Broschkus verzagt an ihr und jeden Versuch, sie zu berühren, eingestellt – schon lang wäre er reif gewesen und nun war er’s wirklich, reif für die Obsession.
Wie grün die Hapag Lloyd-Dächer herüberschimmerten von der andern Alsterseite, im Gegenlicht das Wasser ein blendender Glanz, weiß stäubte die Fontäne, auf den Dachfirsten stramm standen die Fahnen im Wind. Fast hätte er das Fenster seiner Lieblingssekretärin dort drüben erkennen können, einen Stock indes zu niedrig lag es, abgeschirmt von Baumkronen. Schräg darunter, vertäut seit Jahr und Tag und deutlich zu sehen: war das kleine Caféschiff, in dem er’s nie geschafft hatte, eine Pause einzulegen. Weiter!
Vorbei an klassischer Mode, an Antiquitäten, an den locker besetzten Tischchen des „Condi“, wo bereits die Porsches parkten, dazwischen ein Rolls Royce, ein Jaguar, sämtlich in Schwarz, vor dem Haupteingang des „Vier Jahreszeiten“ schubste ihm ein entgegenrollernder Skateborder fast das Lächeln aus dem Gesicht, fast: Wie sie damals vorgefahren waren, in einem verrosteten Renault, direkt vom Standesamt, direkt hierher an den Rand des roten Teppichs, und wie Kristina dann dem Portier die Wagenschlüssel überreicht und der noch nicht mal mit der Livree gezuckt hatte – ja, das war‘s gewesen, damals, und der Rest des Tages ein einziges Kuchenessen und Cocktailtrinken und Hinausblicken aufs Wasser, bis die Lichter rundum aufflammten, die Neonkonturen des Alsterhauses, die schummernden Fensterlampen des Alsterpavillons, bis sie schließlich ganz von innen heraus strahlte, die Stadt und die Nacht und die Welt, damals.
Jajajaja, noch immer konnte sich Broschkus daran berauschen, doch nicht mehr aus voller Seele. Etwas Braunes war ihm vor all die honorigen Herrlichkeiten geraten und machte sie fad und flau, etwas Honigbraunes, etwas höchst Biegsames, das nach Fleisch roch und einen Fleck hatte im Auge, etwas, das ... nicht mal einen Namen hatte.
Erst als die wohlvertraute Fassade des Übersee-Clubs vor Broschkus auftauchte, wo er mehrfach die Woche mit seinen Kunden (ab fünf Millionen aufwärts) zu Mittag gegessen, fand sein Schritt wieder fest geradeaus, unter den Bäumen rollten Zeitungsseiten, dahinter knallten für ihn schon die Fahnen, und von dort hatte man dann diesen Blick: Oh, das war schön, gewiß das Schönste, was man von einer deutschen Großstadt erwarten durfte. Unten am Ufer schwärmte Broschkus nun dahin, graphitgraue Enten auf den Wellen, weiß die Schipperboote linksrechts der Fontäne, von hier aus hatte man das gesamte Prachtareal aus Wasser und steingewordner Macht vor sich entfaltet, ein helles Leuchten heute, darüber die Grünspandächer mit ihren Reederei- und Hamburg- und Deutschlandflaggen, verstreut ein paar Kirchturmspitzen, und dann den riesigen Himmel, ja, den vor allem mit seinen schnell treibenden Wolken. Davon würde man demnächst nur träumen können, welch ein gewaltig weißes Wolkentreiben, welch eine Luft, und trotzdem:
Nie wieder Risikobegrenzung, Rückversicherung, Renditeberechnung – oh, es wurde Zeit. Nie wieder Ersatzkrawatte im Büro, nie wieder Ersatzgeliebte im Hotel, nie wieder Ersatzbefriedigung beim Downloaden, nie wieder!
Dort, wo die Bootsdurchfahrt zur Außenalster war, stieg Broschkus hinauf zur Lombardsbrücke, gerade fuhr eine S-Bahn Richtung Altona und erzeugte wunderbar unaufgeregt ein Klackern, schon stand er an der Einmündung des Ballindamms, blickte aufs weißgewürfelte Museum der Gegenwart, hinter dem die Kuppel der Kunsthalle aufschimmerte, und dann stand er nicht mehr, sondern bog entschlossen ab. Bog in die Straße, die er siebzehn Jahre lang entlanggelaufen, stets in Sorge, die Kurse würden fallen, wenn er sich zu lang vor einem der Schaufenster aufhielte, würden steigen, wenn er gar einen Braunen im „Café Wien“ einnähme, wie‘s absurderweise hieß, das Caféschiff. Welch eine Fülle an Herren in gedeckten Tönen, mit und ohne Aktenmappe, den Krawattenknoten zum Teil schon fest mit dem Adamsapfel verwachsen, und zwischen Krohns Einrichtungsgeschäft und den „Classic luxuries“ von Goodmann Grant tauchte er dann, sehr dezent, tauchte auf, der leicht zurückgesetzte Eingang von Hase & Hase, und – Broschkus blieb nicht einmal stehen.
Nie wieder vornehm und von oben herab, nie wieder Ton in Ton, nie wieder indigniert und schweigend – es war Zeit, höchste Zeit.
Vorbei an der „Ciu‘s“-Bar, in dessen klobiger Gehsteigbestuhlung er bunte Flüssigkeiten für seine Lieblingskunden geordert hatte, vorbei an einem Souterraingeschäft mit Porzellanputten, ein japanischer Zierfischhund mit Segelohren stand für 1671 Euro in der Auslage, vorbei. Denn von vorne leuchtete jetzt das Rathaus mit seinem riesigen Turm, ja, das strahlte etwas aus, das war etwas, durchaus; von vorne aber leuchtete vor allem, zwischen den Bäumen, die Anlegestelle des „Café Wien“, beschwingt lächelte sich Broschkus über die Straße. Und tat endlich das, was er nie getan: lächelte lächelte lächelte sich übern Steg, gleich würde er die Tür mit seinem bloßen Lächeln aufdrücken, gleich würde er sich einen Braunen bestellen, einen kleinen Braunen, und während Kristina ahnungslos in ihrer homöopathischen Praxis Hundekrankheiten kurierte, würde er sich von all dem Aufgebot an Schönheit nicht länger täuschen lassen: Was es an Glaube, Liebe, Hoffnung hier zu verlieren gab, das hatte er verloren.
Nie wieder mit Senatorengattinnen beim Butterkuchen parlieren, nie wieder mit Vizepräsidentinnen über Wohltätigkeit räsonnieren, nie wieder deutsche Frauen – schon ihre Namen taugten nicht, geflüstert zu werden: Nie wieder Deutschland!




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