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Matthias Politycki Radio
 Essays & Artikel   Die Homepage als digitaler Grabstein

Die Homepage als digitaler Grabstein

03/02/2004 - 01/03/2004
Matthias Politycki
Die Homepage als digitaler Grabstein


erschienen/erscheint in:
u.d.T. "Mein digitaler Grabstein" in: Süddeutsche Zeitung, 6/3/04  

 
u.d.T. "Meine Vision von der digitalen Gesamtausgabe" in: Elisabeth Tworek u. Marietta Piekenbrock (Hg.): Dichter Hand Schrift. München 2004; enth. in: Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft

Leseprobe

Zu Weihnachten bekam ich diesmal bloß einen Briefumschlag. Und darin, anstelle einer Karte mit fröhlichen Wünschen, bloß eine kommentarlos aufnotierte Internetadresse, in der mein eigner Name keine geringe Rolle spielte. Nach ein paar Sekunden der Enttäuschung war ich online, mußte mich dann aber von meiner eignen Homepage belehren lassen, daß mir ein entscheidendes Plug-In fehlte, weswegen Weiterklicken unmöglich, begann umgehend mit dem Downloaden (während die Kerzen so fern brannten, als wär‘s in einer andern Welt), um nach 20 Minuten dabei abzustürzen: Frohes Fest!
Den Rest des Abends verbrachte ich mit Grübeln: War eine eigne Homepage nicht a priori eine ziemlich peinliche Sache, ein hochnarzißtischer Beitrag zum weltweit vernetzten Jahrmarkt der Eitelkeit? Und für einen Schriftsteller jedenfalls überflüssig, schließlich hatte der doch einen Verlag: samt Verlagshomepage und einer Presseabteilung, die ja so etwas wie eine perfekt gebufferte 3D-Homepage in Echtzeit darstellt?
Letzteres, die quasi-selbstverständliche Anbindung eines Autors an Verlag und Verleger, war freilich Anlaß für das Geschenk gewesen: Obwohl ich in den letzten 17 Jahren nur zweimal den Verlag gewechselt hatte, war ich mit acht verschiedenen Verlagsleitungen bekannt geworden und blickte zur Weihnachtszeit bereits einer neunten entgegen; dabei war der Hauptteil meiner Backlist auf der Strecke geblieben, und wenn das so weiterging ... Irgendeinen Ort mußte es in dieser instabil gewordnen Branche geben, der nicht dem "kulturellen" Wandel unterworfen war, und sei’s einen virtuellen: Schließlich ist der Autor der einzige im Literaturkarussel, der nicht so sehr am schnellstmöglichen Wirbel um einzelne Bücher interessiert ist als am langsamen Zusammentragen eines Gesamtwerks. Auf daß es sich, spätestens zum sechzigsten Geburtstag, im Pappschuber versinnlichen möge – stellt sich nur die Frage, der wievielte Verlagsleiter bereit sein wird, das dann in sein wievieltes Verlagsprofil einzupassen: Wo gestern noch Hoffmann und Campe draufstand, ist heute schon Suhrkamp drin, wo heute noch Suhrkamp draufsteht, wird morgen ...




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