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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   „Ich brauche eine Art Sicherheitsnetz“

„Ich brauche eine Art Sicherheitsnetz“

10/01/2017 - 02/02/2017
Matthias Politycki
„Ich brauche eine Art Sicherheitsnetz“
Interview: Antoinette Schmelter-Kaiser



erschienen/erscheint in:
Bonus. Das Magazin der Volksbanken Raiffeisenbanken. Nr. 4/April 2017.

 
Sie sind mit einem Koffer zum Interview gekommen. Denn Sie fahren danach von München nach Hamburg. Wie lebt es sich in diesen beiden Welten?

Seit 20 Jahren habe ich zwei Wohnsitze. In München bin ich groß geworden, das ist und bleibt meine Heimat. Hamburg hat einen anderen Umgang mit gesellschaftlichen Fragen und eine andere Infrastruktur, man lebt dort weniger behütet. Ich bin froh, daß ich Deutschland unter doppeltem Blickwinkel betrachten kann, das führt zu anderen Einschätzungen.

Dazu kommen regelmäßig weitere Reisen. Wie viel sind Sie insgesamt unterwegs?

Ungefähr die Hälfte des Jahres, wozu auch Lesereisen zählen. Aber ich bin kein Länder-Abhaker, viel lieber bleibe ich über Monate in einem Land oder kehre immer wieder dorthin zurück – zum Beispiel nach Kuba, Japan oder Usbekistan,  wo ich für meinem Roman „Samarkand Samarkand“ recherchiert habe.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Trips vor?

Ich habe meinen klaren Plan, wann ich wo sein möchte, buche meine Hotels mittlerweile meist im voraus, informiere mich über Entfernungen und Transportmöglichkeiten. Wie die Gliederung beim Romanschreiben brauche ich den Tourplan beim Reisen als eine Art Sicherheitsnetz, damit ich trotz aller spontanen Abweichungen nichts Wesentliches verpasse. Ich bin aber nicht der Typ, der allzuviel über das Land liest, in das er fahren möchte. Die Bilder, die davon im Internet kursieren, meide ich, soweit es irgend geht.

Warum sind Sie dieser Ansicht?

Wenn man die Bilder schon im Kopf hat, verdirbt man sich das reale Erlebnis vor Ort. Fotos zeigen meist die Schokoladenseite einer Sehenswürdigkeit. Wenn man sie dann unter anderen Bedingungen erlebt, wird man leicht enttäuscht und ungerecht. Ein Highlight ist es für mich, wenn ich Einheimische als Freunde gewinne. Sie zeigen mir Seiten ihres Landes, die ich sonst nie entdeckt hätte. Unterwegs erlebe ich aber auch die dunkle Palette.

Und die wäre?

Schnorrer und Bettler, um die sich beispielsweise in Indien eine ganze Industrie dreht, die vor schrecklichen Verstümmelungen nicht zurückschreckt. Oder Abschlepper und Taxifahrer, die einen nicht an die gewünschte Adresse bringen. Begegnungen in der Fremde können unheimlich bereichernd, aber auch nervig, ja gefährlich sein. Es ist nicht leicht, trotzdem offen zu bleiben, anstatt in jeder neuen Begegnung automatisch den nächsten zu vermuten, der einen übers Ohr hauen will. Summa summarum empfinde ich die Schattenseiten des Reisens aber jedes Mal auch als Crashkurs, der einen jung hält, aufmerksam, wendig.

Sie reisen oft mit dem Rucksack und muten sich gerne anstrengende Touren zu. War Ihre sechsmonatige Kreuzfahrt als „Writer-in-non-residence“ da kein totales Kontrastprogramm?

Ein solches Schiff ist ein schwimmendes Luxushotel. Ehrlich gesagt, das habe ich durchaus genossen. Gleichzeitig war die „Europa“, auf der sich fast ausschließlich Passagiere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einbuchen, aber auch für mich als Schriftsteller interessant: Ich konnte unsre Gesellschaft auf engstem Raum studieren. Abgesehen davon habe ich jeden Landgang mitgemacht – mal als organisierte Tour, meist auf eigene Faust. Meine Lieblingsbeschäftigung war es, auf meinem Balkon zu sitzen und aufs Meer zu sehen. Es sieht überall anders aus, und es rauscht auch jeden Tag auf andre Weise.

Welche Erwartungen gab es vonseiten der einladenden Reederei an Sie?

Auf jeder der 13 Etappen hatte ich eine Lesung zu halten, mehr nicht. Trotzdem hatte ich viel zu tun! Ich schrieb ein fiktives Logbuch auf meiner Homepage, die Grundlage eines Schelmenromans über ebenjene Weltreise. Der Verlag hatte sich zuvor von Hapag-Lloyd vertraglich zusichern lassen, daß es von ihrer Seite keinerlei Eingriffe geben würde.

Am Anfang Ihres neuen Buches „Schrecklich schön und weit und wild“ erzählen Sie, daß sich Reisen und Schreiben bei Ihnen parallel entwickelt hat. Geht das eine ohne das andere?

Wie viele andere habe ich mit dem Schreiben von Gedichten und Erzählungen angefangen – ich war 16 und unglücklich verliebt, in den Schulferien mußte ich nach England, meine erste Reise ohne Eltern. Natürlich arbeite ich gern daheim, wo es gemütlich und warm ist. Recherchen und Notizen mache ich allerdings immer auch in den Ländern, in denen meine Bücher spielen. Für „Samarkand Samarkand“ habe ich eiskalte Gebirgsbäche und am Ende ohne jede Sicherung auch einen Gletscher queren müssen, das ging schon an mein Limit. Nach solchen Extremreisen kommt nicht nur mit einem anderen Blick, sondern auch mit einem veränderten Charakter zurück. Und vor allem auch mit Sätze und Gedanken, die man nie und nimmer am Schreibtisch daheim gefunden hätte.

Sie schreiben inhaltlich und stilistisch sehr unterschiedliche Dinge. War und ist Ihre Arbeit ein Ausprobieren in alle Richtungen?

Bis 1994 habe ich mich als experimenteller Schriftsteller begriffen, dem es beim Erzählen vor allem um die Form ging. Damit bekam ich zwar Anerkennung, aber wenig Leser. Mittlerweile begreife ich mich als realistischen Erzähler, es ist mein Ziel, die Komplexität des Textes unter seine Oberfläche zu legen, so daß er beim Lesen leicht wirkt. So wurden meine Bücher ganz zwangsläufig im Lauf der Jahre anders. Auch nach 15 Jahren bei Hoffmann und Campe ist es für den Verleger, so hat er mir mal erzählt, immer wieder eine Überraschung, was herauskommt, wenn ich einen Vertrag unterschrieben habe.

Dazu zählen auch Gedichte. Wer liest die?

Dadurch, daß ich zu den „Realos“ unter den Lyrikern zähle, der auch mal über den Inhalt von Schuhschränken schreibt oder über ein Erlebnis in der Kneipe, finden sich weit mehr Leser als für meine frühen etwas bemüht avantgardistischen Gedichte. Die schreibt man eigentlich nur für sich selbst und eine handverlesene, gleichgesinnte Gemeinde. Meine größte Freude war kürzlich, daß mein Fahrradhändler zufällig ein Gedicht von mir im Radio gehört hatte und meinte: Normalerweise interessiere er sich ja nicht für Gedichte, aber ... „Das war gut!“

Ihr letzter Lyrik-Band „Dies irre Geglitzer in Deinem Blick“ beinhaltet durchaus melancholische Gedichte. Haben Sie auch diese Seite?

Schreiben zwingt den Kummer in eine Form und bändigt ihn dadurch – bis zu einem gewissen Punkt. Ich glaube, es ist keine ganz unwichtige Aufgabe des Schriftstellers, mit der Verarbeitung seines privaten Kummers gleichzeitig auch den allgemeinmenschlichen zum Ausdruck zu bringen, sozusagen stellvertretend für die anderen, die ihn ja alle irgendwann ähnlich fühlen, aber vielleicht nicht die passende Sprache dafür finden. Schreiben hilft allerdings nur vorübergehend, der nächste melancholische Schub kommt garantiert, insbesondere in der Fremde. Wenn man allein reist, erlebt man ihn mit voller Wucht und hat keine Möglichkeit, Trost bei Freunden oder seiner Frau zu suchen.

Wie kommen Sie und Ihre Frau generell mit Ihren vielen und nicht selten langen Reisen zurecht?

Meine Frau ist selbst oft unterwegs, weil sie eine eigene Presseagentur mit Kunden im ganzen deutschsprachigen Raum hat; manchmal holt sie mich auch irgendwo ab oder begleitet mich. Zwar versuche ich, sie möglichst viel teilhaben zu lassen an meinen Touren; aber in einer Beziehung kann man eben nicht alles teilen. Ich glaube, es kommt darauf an, eine möglichst große gemeinsame Schnittmenge an Interessen zu finden – und immer wieder neu zu finden.

Ist Reisen für Sie weiterhin ein Lebenselixier?

Früher dachte ich, daß Reisen unsere generationsspezifische Art der Weltverbesserung wäre. Daran kann man im 21. Jahrhundert leider nicht mehr glauben. Einige meiner Sehnsuchtsziele wie das Hoggargebirge in Algerien werde ich wohl wegen der politischen Lage nie zu sehen bekommen. Trotzdem werde ich weiterreisen, schon aus Prinzip. Übrigens kann man meiner Meinung nach nur reisen, wenn man genau weiß, wo man zu Hause ist. Man muß eine Heimat haben, Heimweh ist ebenso wichtig wie Fernweh.




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