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 Interviews & Gespräche   Kreativ und frei? Zwischen Amazon und illegalem Download – Vom wirtschaftlichen Überleben Kreativer im digitalen Zeitalter

Kreativ und frei? Zwischen Amazon und illegalem Download – Vom wirtschaftlichen Überleben Kreativer im digitalen Zeitalter

31/08/2015 - 26/09/2015
Matthias Politycki
Kreativ und frei? Zwischen Amazon und illegalem Download – Vom wirtschaftlichen Überleben Kreativer im digitalen Zeitalter
Interview: Kathrin Voss



erschienen/erscheint in:
Kathrin Voss u. Peter Hurrelbrink (Hg.): Die digitale Öffentlichkeit Band II. Hamburg: Friedrich-Ebert-Stiftung 2015

 
Das Internet verändert auch die Arbeitswelt der Kreativen. Ob in der Musikwirtschaft oder bei den Buchverlagen, überall ändern sich die Geschäftsmodelle. Konzerne wie Amazon diktieren neue Regeln und der Streit um das Urheberrecht ist einer der zentralen Konflikte. Auf der einen Seite stehen Urheber, die um ihre Existenz fürchten. Demgegenüber stehen Forderungen das Urheberrecht abzuschaffen, weil geistiges Eigentum in Zeiten unendlicher digitaler Vervielfältigung ein Anachronismus sei. Die unterschiedlichen Interessen scheinen unversöhnlich. Mit dem Schriftsteller Matthias Politycki haben wir über die Zukunft des Urheberrechts gesprochen und welche Auswirkungen das Internet für Schriftsteller hat.

Wie erleben Sie als Schriftsteller, als Urheber, das Internet? Eher als Bedrohung oder als Bereicherung?


Als Bedrohung jedenfalls nicht, eher als Chance. Zum Beispiel sehe ich, daß sich mein aktuelles Buch „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ massiv übers Internet als E-Book verkauft, weit mehr als die Ebooks meiner früheren Romane. Buch ist Buch, Leser ist Leser; ein Text muß unabhängig vom Medium funktionieren, übrigens auch schon als Hörbuch. Von den Hoffnungen, die ich noch vor zehn Jahren ans Internet knüpfte, bin ich mittlerweile freilich kuriert. Die Sorge, irgendwann von meinem Büchern nicht mehr leben zu können, habe ich trotzdem (noch) nicht. Aufgrund unsres hochindividualisierten Ansatzes sind wir als Schriftsteller eigentlich nicht kopierbar, einzelne Texte vielleicht, nicht jedoch die Person. Ein Schriftsteller ist mehr als die Summe seiner Bücher; diese werden erst durch seine Persönlichkeit beglaubigt – offline.

Sehen Sie ein Problem in der leichten Vervielfältigung von E-Books, die dann kostenlos zum Download angeboten werden? Ist das mit ihren Büchern schon passiert?

Nicht daß ich konkret wüßte! Wobei ich mitunter Google Alerts bekomme, die mich auf irgendwelche Download-Portale hinweisen, auf denen meine Bücher angeboten werden. Ich habe mir aber bewußt antrainiert, derlei nicht weiter zu verfolgen – das sehe ich als Aufgabe der Verlage. Solange sie als Zwischenhändler zwischen Autor und Leser agieren, muß auch durch sie (als den Besitzern der Urheberrechte) dafür gesorgt und notfalls gekämpft werden, daß das klassische Geschäftsmodell weiterhin funktioniert. Was ich allerdings als besorgniserregend empfinde, ist der per Internet betriebene Weiterverkauf von Büchern, also die Zweit-, Dritt- und Zehntverwertung, wie sie heute weltumspannend betrieben wird. Damit verlieren Schriftsteller bzw. ihre Verlage viel mehr an Umsatz als über illegal zum Download angebotenen E-Books, vor allem im Taschenbuchbereich. Was früher in Antiquariaten und Grabbeltischen einigermaßen mühsam und zeitaufwendig gesucht werden mußte, ist heute mit ein paar Mausklicks gefunden. Das Buch als solches ist kein Statussymbol oder Bildungsgut mehr, das es ein Leben lang zu bewahren gilt; heute schlüpfen viele Buchkäufer nach erfolgter Lektüre in die Rolle eines Hobby-Antiquars. Als Autor muß man sich damit trösten, daß man mit einem Buch genausoviele Leser findet wie vor zehn Jahren, selbst wenn man damit nur noch ein Drittel verdient.

Sehen Sie die Gratismentalität der Nutzer als ein Problem?

Das tue ich, denn da mangelt es offensichtlich am Respekt für die Leistung anderer. Ein Handwerker will schließlich auch bezahlt werden; und wovon sonst sollte ein Künstler denn leben als von seiner Kunst? Ganz konkret erlebe ich diese Gratismentalität allerdings erst mal nur auf der Bildebene: Wenn mein Verlag kein honorarfreies Autorenphoto zum Download anbietet, dann wird eben auf ein Photo verzichtet – und zwar nicht etwa nur in den Null-Budget-Blogs der Idealisten, sondern von unseren Leitmedien. In dieser Hinsicht ist die Gratismentalität bereits Teil der Branchenstruktur geworden.

Welche Rolle spielen die großen Akteure – also Unternehmen wie Amazon?

Im Grunde erlebe ich sie als durchaus kooperativ. Man verkauft nun mal viele Bücher über Amazon, und im Hörbuch-Sektor geht fast gar nichts mehr ohne die Downloadplattform von Audible, dem Hörbuch-Ableger von Amazon. Keine Frage, diese Quasi-Monopolstellung ist eine Gefahr. Aber die europäischen Verlage sind leider mitverantwortlich dafür, daß es keine konkurrierende europäische Plattform gibt, sie haben die Entwicklung schlichtweg verschlafen. Nun müssen viele Zwerge, die Verlage, mit wenigen Riesen zu kooperieren versuchen, ohne von ihnen abhängig zu werden. Zumal der Zwischenhandelsrabatt, der von Amazon bei der Bücherorder ausgehandelt wird, mittlerweile schon oft jenseits der Schmerzgrenze liegt, wenn ich meinen Verlegern glauben kann.

Die Musikindustrie wird ja immer wieder als Beispiel herangezogen dafür, wie eine ganze Branche eine Entwicklung verschläft. Inzwischen hat sich der Markt radikal verändert. Man kann einfach einzelne Lieder als Download kaufen oder über Musikstreaming-Dienste hören. Viele Musiker verdienen heute mehr über Konzerte als über den Verkauf der Musik oder vermarkten ihre Musik über eigene Webseiten. Können Sie sich einen ähnlich radikalen Umbruch auch für Schriftsteller und Verlage vorstellen?

Vor kurzem habe ich mit meinem Lektor tatsächlich darüber diskutiert, ob man bei zukünftigen Lyrikpublikationen das iTunes-Modell anwenden und jedes Gedicht einzeln zum Download anbieten solle, vielleicht für 10-20 Cent. Wer nach ein paar Testkäufen feststellt, daß ihm die Gedichte gefallen, könnte sich dann natürlich auch für, sagen wir, zehn Euro den kompletten Band herunterladen. Selbst bei Romanen wäre es durchaus vorstellbar, daß man als interessierter Leser zunächst mal nur das erste Kapitel kauft; und immer so weiter, Kapitel für Kapitel. So war es vor hundert, zweihundert Jahren ja schon mal in Europa, auch ein Balzac hat seine Bücher zunächst als Fortsetzungsromane für die Zeitung geschrieben. Warum sollten wir den heutigen Lesern nicht auch die Möglichkeit bieten, einen Text erst mal nur anzulesen? Übrigens machen wir das schon seit Jahren auf meiner Homepage, indem wir dort respektable Textproben gratis zur Verfügung stellen. – Lesungen wiederum, so schätze ich, dürften deutlich teurer werden. Auch hier grassiert derzeit noch die Gratismentalität, zumindest als Fastgratismentalität; an manchen Orten wird „prinzipiell“ für Lesungen kein Eintritt erhoben, man versteht das als Kulturförderung. Ich halte es für eine Entwertung der Veranstaltung, bevor sie überhaupt stattgefunden hat: Was nichts kostet, so wird der interessierte Zuhörer nicht selten denken, das wird subventioniert und kann also gar nichts taugen. Wäre eine Lesung ähnlich teuer wie ein Konzert, wäre es bald auch ähnlich cool, sich den Besuch derselben zu leisten. Selbstverständlich muß der Schriftsteller dann auch wesentlich mehr bieten als die traditionelle Wasserglas-Lesung. Kern bliebe jedoch trotz aller Perfektionierung die Authentizität des Gebotenen. Literatur hat da ihre größte Chance, wo die Aura eines Schriftstellers zu spüren ist. Gerade das, was er jenseits seines Textes zu sagen hat und wie er es sagt, zieht viele Menschen in eine Lesung.

Welche Rolle können Verlage noch spielen, wenn heute jedermann über Amazon einfach selber veröffentlichen kann?

„Self-Publishing“, sofern es nicht bloß die Sehnsüchte von Hobby-Autoren bedienen will, wird weniger durchs Internet gefördert als durch den rigorosen Sparkurs, der auch in unsrer Branche Folgen zeitigt. Heute kann jeder Arbeitsgang eines verlegerischen Prozesses an externe Agenturen und Freiberufler ausgelagert werden – an freie Lektoren, Grafiker, Werbetexter, Hersteller und so weiter, nicht zuletzt auch schon die Vorauswahl der Texte an selbstbewußt agierende Agenturen. Ein Verlag läuft dadurch Gefahr, seine traditionelle Gatekeeper-Position zu verlieren: und damit die Berechtigung, den Lesern in jeder Saison aufs neue das Versprechen zu geben, daß sämtliche Titel seines aktuellen Programms durch eine Menge an Kontrollinstanzen gegangen und nach den jeweiligen Verlagskriterien für gut befunden wurden. Dieses Versprechen, vor- und aussortiert zu haben, ist gerade heutzutage, da wir im digitalen Raum von allen Seiten mit Angeboten bedrängt werden, ein gewaltiger Wert! Vielheit an sich ist auch im Netz eher ein Problem als dessen Lösung, erst strukturierte Vielheit ist ein Qualitätsversprechen. Für die Produkte derjenigen, die für uns als Gatekeeper sortiert und gewertet haben, werden wir wohl bald deutlich mehr bezahlen müssen als für all das, was auf irgendwelchen Portale einfach eingestellt wurde. Qualität hat ihren Preis, wir treiben hier auf dieselbe Zweiklassengesellschaft zu, wie es sie in anderen Bereichen längst gibt: Fastfood und Slowfood, um es im bekannten Bild auszudrücken. Überleben werden nur die Verlage, die jetzt schon auf ihre Marke setzen. Daher versucht Amazon derzeit ja so vehement, neben seiner Verkaufsplattform auch einen eigenen Verlag zu etablieren. – Übrigens kann heute ja nicht nur jeder über Amazon veröffentlichen, sondern auch in die Rolle des Buchkritikers schlüpfen: Wo wir in einer Tageszeitung, für die wir Geld bezahlt haben, die Rezension eines professionellen Literaturkritikers erhoffen dürfen, finden wir im Netz Urteile von jedermann frei Haus: Das simuliert Basisdemokratie, führt aber auch dazu, daß die Glaubwürdigkeit jedes einzelnen Votums zunächst einmal fragwürdig ist. Schließlich gibt es unter den Kritiken auch solche, die von mißgünstigen Kollegen geschrieben werden oder gar von Agenturen, die man dafür buchen kann.

Sie haben zwei Aufrufe unterzeichnet, die sich für ein konsequentes Urheberrecht einsetzten. Nun gibt es aber auch Menschen, die geistiges Eigentum für einen Anachronismus halten und für die Abschaffung des Urheberrechts plädieren und das mit der Freiheit des Internets argumentieren. Was entgegnen Sie solchen Menschen?

Ich würde Ihnen die Gegenfrage stellen: Was sollte sich denn durchs Internet am Eigentumsbegriff geändert haben? Das Netz hat doch nur die Technik der Vermittlung verändert, nicht die Sache selbst. Geistiges Eigentum, ob in analoger, ob in digitaler Form, ist und bleibt Eigentum wie jedes andere Eigentum auch. – Leider wird das Eigentum anderer heutzutage generell immer weniger respektiert. Man sieht es überall dort, wo Gemeinschaftseigentum im öffentlichen oder halböffentlichen Raum von einzelnen unbekümmert besetzt wird. Mangelnder Respekt vor den Rechten des/der anderen beginnt nicht erst im Internet, der Schritt zur Grenzüberschreitung fällt dort allenfalls noch eine Spur leichter, da der öffentliche Raum des Netzes ja abstrakter Natur ist – das Vergehen ist dort „gefühlt“ nicht mal mehr ein Kavaliersdelikt. Manch einer beschönigt das mit der Phrase von der Freiheit des Internets. Aber daß die eigenen Freiheit auch den Respekt vor der Freiheit des anderen bedingt (und dessen damit einhergehenden Rechten), wird dabei gern unterschlagen.

Wie könnte Ihrer Meinung nach ein Urheberrecht im digitalen Zeitalter aussehen?

Ein grundsätzlich neues Urheberrecht brauchen wir nicht, der Schutz des geistigen Eigentums muß auch weiterhin ohne Abstriche gewährt werden. Die Herausforderung liegt in der Anpassung seiner Randparameter an die neuen Gegebenheiten, also in der Adaption der klassischen Kernidee an die neuen Techniken, und zwar ohne daß man letztere von vornherein als feindlich begreift. Man könnte durchaus Zugeständnisse an den Zeitgeist machen, also das Urheberrecht nicht immer nur im Zusammenhang mit kompletten Texten denken. Letztlich ist das Urheberrecht und der mangelnde Respekt davor aber kein von der Gesamtentwicklung ablösbares Problem; dahinter steht immer und vornehmlich die Frage, wie sich eine Gesellschaft definieren will.

Ein Mittel, Urheber auch an Kopien oder Bibliotheksnutzung zu beteiligen, sind Verwertungsgesellschaft wie die VG Wort? Läßt sich das Modell auf die digitale Zeit übertragen?

Verwertungsgesellschaften waren schon im analogen Zeitalter wichtig, im digitalen werden sie’s erst recht. Daher habe ich auch den Aufruf der VG Wort „Wir geben 8 aufs Wort“ mit unterzeichnet, obwohl ich prinzipiell sonst nirgendwo unterzeichne. Analog zur Geräteabgabe für Kopierer, die die VG Wort durchgesetzt hat, könnte eine Pauschale für Internet-Downloads mit all denjenigen ausgehandelt werden, die die technischen Möglichkeiten dafür schaffen: also mit den Betreibern der Portale, vielleicht auch schon mit den Entwicklern der entsprechenden Programme.

Die Musik- und Filmindustrie hat lange Zeit versucht, über rigorose Abmahnungen Verstöße gegen das Urheberrecht zu verfolgen. Da gab es auch den Ruf nach Internetsperren als Strafe. Die VG Wort konzentriert sich bei ihrem Vorgehen auf Urheberrechtsverletzungen, die im großen Stil und kommerziell betrieben werden. Welche Vorgehensweise halten Sie für angemessen?

Rein theoretisch wäre natürlich jede Art von Übertretung zu ahnden. Unter pragmatischem Gesichtswinkel ist der Ansatz der VG Wort vernünftiger. Im öffentlichen Raum übertreten wir ja fast alle immer mal wieder diese oder jene Vorschrift, beispielsweise beim Überqueren einer Straße trotz roter Fußgängerampel. Man weiß freilich stets, daß man dafür bestraft werden kann, falls man erwischt wird. Dieses Wissen sorgt dafür, daß man die Regeln meistens einhält und sich nur im Ausnahmefall darüber hinwegsetzt.

EU-Digitalkommissar Oettinger plant für 2016 eine europaweit geltende Regelung für das Urheberrecht und will damit einen gerechten Ausgleich der Interessen schaffen. Das will er unter anderem über eine Abgabe erreichen, die dann Konzerne wie Google zahlen sollen. Halten Sie das für eine Lösung?

Die Frage ist, ob er eine Abgabe überhaupt durchsetzen kann – oder doch nur ein Almosen. Wichtiger wäre meiner Meinung nach die Entwicklung einer grundsätzlichen Gegenstrategie, also einer europaweiten Plattform, die aus unseren eigenen Interessen gespeist wird. Sie dürfte aber nicht anti-googlemäßig ausfallen oder sonstwie gut gemeint. Sondern müßte schlichtweg gut sein, zumindest besser als die von Google, sonst würden sie die Nutzer auf Dauer ja nicht nutzen – kaum noch vorstellbar angesichts der herrschenden Verhältnisse! – Natürlich ist durch die Digitalisierung der Weltliteratur auf US-Servern auch unser Urheberrecht gefährdet; aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Schon durch die Art der Selektion und Aufbereitung aus US-Perspektive geht womöglich ein Großteil unsrer europäischen Inhalte und sprachlichen Spezifika verloren, sprich, das Ureigene unserer Kulturen. Die Strategie der kulturellen Überwölbung, wie sie von der amerikanischer Seite seit Jahrzehnten weltweit verfolgt wird, erlebt mit dem Internet – nach Coca-Cola, Pop und Hollywood – den nächsten Siegeszug.




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