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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   "Es steckt tief in uns"

"Es steckt tief in uns"

02/07/2015 - 14/07/2015
Matthias Politycki
"Es steckt tief in uns"
Interview: Andeas Lesch



erschienen/erscheint in:
Weserkurier, http://www.weser-kurier.de, 27/8/15.

 
Sie haben ein Buch geschrieben, das heißt „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“. Dann sagen Sie doch mal: Warum laufen wir?

So viele Läufer es gibt, so viele Motivationen gibt es – von den Fitnessläufern bis zu den Grenzerfahrungssuchern; von Läufern, die sich gerne in Läufercliquen austauschen, bis zu den notorisch einsamen Wölfen; von denen, die vor etwas davonlaufen, bis zu jenen, die nur mal abschalten wollen ...

Und was verbindet all diese Läufer?

Sie wollen raus aus der Wohlfühlzone ihrer täglichen Schreibtischexistenz. Laufen setzt vieles frei, was im Alltag eingeengt wird und verkümmert; nicht selten ist es ein Ventil, um unsre vorintellektuelle Seite auszuleben.

Welche Seite meinen Sie?

Alle Arten von Irrationalität, die sich anstauen, natürlich auch Aggressionen. Laufen kanalisiert diese Energien – vielleicht weil es etwas Archaisches ist, etwas ganz Einfaches, das tief in uns steckt: Wenn ich in einer Trainingsphase bin und fünf Mal in der Woche rausgehe, bin ich ausgeglichener als in der Zeit nach einem Marathon, in der ich auch wieder all die Freunde treffe, die wert darauf legen, daß ich Alkohol mittrinke. Regenerationsphasen sind zwar auch schön, aber meine Stimmungsschwankungen sind dann größer.

Wenn so viele Menschen das Laufen als Ausgleich zu ihrem Arbeitsalltag brauchen, was sagt das über unsere Gesellschaft?

Wir laufen, glaube ich, weil sich ein erschreckend hoher Anteil unseres (Er-)Lebens, mittlerweile auch im öffentlichen Raum, auf Betätigung der Enter-Taste reduziert hat. Dynamisierung und Aktualitätsdruck haben in den letzten Jahren sogar unsre Freizeit in Streß verwandelt, ein Ausgleich ist immer dringlicher, vor allem auch mental. Man läuft ja keinesfalls nur mit den Beinen.

Laufen ist also ein typischer Sport für die gestressten Menschen in den westlichen Industrie-Nationen?

Zum einen; zum andern sollten wir auch nicht vergessen, dass wir in Mitteleuropa seit Jahrzehnten in Frieden leben (und uns den Luxus des Laufens leisten können). Andere Gesellschaften tun das nicht – und die laufen auch nicht. Auf Recherche für meine Romane bin ich oft in Ländern, in denen es deutlich härter zugeht als bei uns: in Afrika, in Zentralasien. Da läuft niemand – außer er jagt, greift an, flieht oder verdient damit sein Geld. Beim Kilimandscharo-Marathon beispielsweise stehen die Zuschauer mehr oder weniger fassungslos am Straßenrand. Viele sind sogar sauer, weil die Hauptstraße für „diese Verrückten“ gesperrt ist, so daß die Busse nicht fahren können, die sie normalerweise zur Arbeit bringen. Laufen ist keinesfalls überall als wunderbare Ausgleichsbetätigung akzeptiert.

Dennoch nennen Sie das Laufen in Ihrem Buch den Minimalkonsens einer neuen Weltgemeinschaft. Wie meinen Sie das?

Während meiner Zeit als Writer-in-residence in Osaka hatte ich die Idee, Hamburg könnte seine Städtepartnerschaft mit Osaka auch mal sportlich feiern. Tatsächlich hat Osaka einen Läufer entsandt, um mit mir gemeinsam den Hamburg-Marathon 2015 zu laufen.

Und dann?

Drei Tage vor dem Rennen habe ich den Japaner kennengelernt. Obwohl er nur sehr begrenzt Englisch spricht, haben wir uns sofort verstanden, unter Läufern geht das gut auch über Sprachbarrieren hinweg. Ich erklärte ihm, daß ich mir im Training eine Muskelverhärtung zugezogen hatte und eigentlich gar nicht laufen durfte: Wenn ich Dir im Rennen ein Zeichen gebe, weißt Du, dass ich mit dem Tempo runtergehen muss. Und dann hoffen wir mal, dass wir trotzdem durchkommen.

Hat’s geklappt?

Gerade noch! Bei Kilometer 26 machte der Muskel dicht; mein japanischer Laufpartner merkte sofort, wie es um mich stand – und kümmerte sich rührend um mich. An den Verpflegungsstellen holte er immer einen Becher Wasser für mich mit, den Rest der Zeit versuchte er, mich von meinen Schmerzen abzulenken: Matthias, relax! Wir sind dann auch gemeinsam durchs Ziel, ich mit zusammengebißnen Zähnen. Zum Abschied sind wir uns so in die Arme gefallen, als wären wir seit Jahren die dicksten Freunde. Das Erlebnis, gemeinsam zu rennen und alle Schwierigkeiten zu überwinden, hat uns zusammengeschweißt, über kulturelle und sprachliche Barrieren hinweg. Im Herbst werde ich mit ihm den Marathon in Osaka laufen, wieder im Zeichen der Städtepartnerschaft; diesmal werden wir jedoch schon als Freunde antreten.

Welche Rolle spielen der Schmerz und die Überwindung des Schmerzes beim Laufen?

Der Schmerz ist, neben dem inneren Schweinehund, ständiger Begleiter eines Läufers. Schon in der Trainingsphase muß man lernen, mit Schmerz umzugehen und ihm eine Grenze zu setzen, also nicht überzutrainieren. Durchs Laufen lernt man vieles neu, das man früher nie hinterfragt hat: Essensgewohnheiten, Tagesrhythmus, Alkohlverzehr, Freizeitgestaltung ... und eben den Umgang mit Schmerz. Aber auch, daß man aus solch intensiven Trainingsphasen immer wieder den Weg zurückfinden muß in die Normalität.

Wie groß ist die Gefahr, dass man vom Laufen süchtig wird?

Groß, das habe ich selbst gemerkt.

Woran?

Obwohl ich ja nur ein durchschnittlicher Freizeitläufer bin, hatte ich Phasen, in denen ich regelrecht fürs Laufen gelebt habe. Es war eine Welt für sich, und sie hat mich erfüllt. Mehrmals die Woche traf ich meine Laufkumpel, und wir tauschten uns über alles aus. Wirklich über alles. Wenn man gemeinsam läuft, lernt man seine Mitläufer in gewisser Hinsicht besser kennen als die eigene Ehefrau.

Welches Gefühl ist in solchen erfüllten Phasen für Sie besonders wertvoll?

Ich bin dann auf eine unaufgeregte und unübertriebene Weise mit mir selbst, in meinem Körper, so wie er ist, zufrieden. Eigentlich ein sehr einfaches Gefühl; in unserer Erlebnis-Gesellschaft, die uns von einem Highlight zum nächsten hetzt, geht es jedoch schnell mal verloren. Dabei führt diese Zufriedenheit sogar zu spektakulären Arbeitsschüben. Meinen letzten Roman, „Samarkand Samarkand“, den ich 25 Jahre lang nicht hatte schreiben können, konnte ich zu Papier bringen, als ich für den London-Marathon trainierte.

Wie kam das?

Durchs Marathon-Training habe ich gelernt, meine Kräfte einzuteilen. Und weiß dadurch auch, dass alle großen Dinge von hinten heraus gedacht werden müssen. Schon lang vor dem Start eines jeden Rennens denken wir ans Ziel, die entsprechenden Zwischenzeiten haben wir uns auf den Unterarm notiert. Jeder Läufer weiß: Man darf am Anfang nicht zu viel Gas geben, eine gute Zielzeit erläuft man auf den mittleren Kilometern der Strecke.

Was heißt das fürs Schreiben?

Früher habe ich mich von einer neuen Idee sofort hinreißen lassen und mit dem Schreiben losgelegt. Ich bin sozusagen losgesprintet, viel zu schnell, und oft irgendwo steckengeblieben. Selbst wenn ich durchkam, so richtig gut war der Text auf diese Weise noch lange nicht, nämlich ausgewogen komponiert (mit konstantem Schreibtempo zu Papier gebracht).

Jetzt ist das anders?

Jetzt baue ich meine Texte von Anfang an mit Blick auf die letzte Seite, das hält mich in der Spur. Dazu diese wunderbaren Endorphin-Ausschüttungen durch das parallele Lauftraining! An manchen Tagen habe ich dann auch am Schreibtisch einen Lauf – und schreibe, als wäre der Tag 48 Stunden lang.

Das Laufen treibt Sie an?

Das Laufen hat mich in vielerlei Hinsicht am Laufen gehalten – auch am Schreiben. Entscheidende Sätze und Schlüsselmomente von Texten sind mir gerade dann eingefallen, wenn ich aufgehört hatte, darüber nachzudenken. Beim Laufen ruckelt sich der eigene Gedankenkosmos, ohne daß man es in eine Richtung steuern könnte, neu zurecht; durch die bloßen Schrittimpulse kommen völlig andere Gedankenketten zustande.

Sie schreiben: Das Ziel ist das Ziel. Wie meinen Sie das?

Das gilt natürlich nur fürs Rennen.

Heißt das, dass der Weg ohne das Ziel nichts wert ist?

Bei Trainingsläufen ist der Weg das Ziel. In Hamburg fahre ich oft zu irgendwelchen S-Bahn-Endhaltestellen raus und laufe dann zurück zu unsrer Wohnung, ins Zentrum, unterwegs lerne ich die Stadt jedes Mal neu kennen. Aber beim Marathon geht es um etwas anderes, da bin ich aufs Ziel fixiert. Trotzdem prägen sich gewisse Situationen, Bands und Anblicke intensiv ein. Von jedem Rennen behalte ich drei, vier zentrale Erinnerungsbilder im Kopf, die mich auch nach Jahren nicht verlassen.

Herr Politycki, es gibt eine Stelle in Ihrem Buch, die finde ich wirklich grandios. Sie schreiben: „Wer heute stehen bleibt, setzt sich morgen hin und sieht den fallenden Blättern zu, ist übermorgen tot. Du nicht. Solange du rennst, kannst du nicht sterben.“ Ist Laufen vor allem eine Flucht vor dem Altern, vor dem Tod?

Bestimmt! Vergänglichkeit und Endlichkeit finde ich schon immer bedrückend und schreibe dagegen an. Wenigstens vorübergehend davonlaufen kann man dem Tod. Ein guter Lauf ist in seinen magischen Momenten vollkommen zeitlos. Schon vor dem Duschen fühlt man sich dann frisch und: neu erfunden.

Aber man ist es nicht, oder?

Natürlich ist es nur eine Illusion; schon aufgrund der Verletzungen, die man früher oder später in einem Läuferleben hat, merkt man, dass man eben doch sehr endlich ist. Aber es sind die Illusionen, die uns voranbringen, die Visionen, die man damit verknüpft. Insofern: Wenn’s eine Täuschung ist, dann ist es das eben. Hauptsache, es wirkt!




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