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 Interviews & Gespräche   „Unsere eigene Gleichgültigkeit ist gefährlich“

„Unsere eigene Gleichgültigkeit ist gefährlich“

16/04/2014 - 14/04/2014
Matthias Politycki
„Unsere eigene Gleichgültigkeit ist gefährlich“
Interview: Sabine Schmidt



erschienen/erscheint in:
Rheinische Post, 26/4/14

 
Es ist ein düsteres Zukunftsszenario: Im Jahr 2026 herrscht Krieg, Deutschland wird zwischen russischen und islamischen Truppen zerrieben, und ein ehemaliger Gebirgsjäger soll die westliche Welt retten, indem er in Zentralasien nach einem geheimnisumwitterten Grab sucht. „Samarkand Samarkand“ heißt dieser von der Kritik hochgelobte Roman; geschrieben hat ihn Matthias Politycki, der ihn am 29. April im Heine-Haus vorstellt: im Gespräch mit dem Künstler Felix Droese. Wir sprachen mit Matthias Politycki.

Ihr Roman spielt zu großen Teilen in Usbekistan und Tadschikistan. Warum haben Sie gerade diese Region ausgewählt?


1987 war ich im Rahmen einer UdSSR-Reise in Samarkand. Es war die Zeit von Glasnost und Perestroika, die kommenden Veränderungen waren schon deutlich zu spüren. In der Altstadt brodelte es, man konnte glauben, daß sie im nächsten Moment explodieren würde. Dieser Druck hat sich meiner regelrecht bemächtigt, der Roman war in seiner Grundidee plötzlich „da“, es gab für mich nichts zu wählen. Im Gegenteil, ich wusste, dass ich ihn nur durch die Niederschrift wieder loswerden konnte. Gelungen ist das aber erst 25 Jahre später.

Ihre Hauptfigur ist in Usbekistan unterwegs, allein mit seinem Führer in einsamen, apokalyptisch anmutenden Gebirgswüsten. Sie waren auch dort – warum haben Sie sich das angetan?

Ich wollte einen Abenteuerroman schreiben, so spannend wie möglich, aber auch so authentisch wie möglich – der Leser sollte den Weg der Hauptfigur auf der Karte ebenso nachvollziehen können wie im Kopf. Das kann man nicht am Schreibtisch zu Hause schreiben. Erst in den zentralasiatischen Gebirgen habe ich die existentielle Herausforderung, der sich meine Hauptfigur dort stellen muß, am eigenen Leib erfahren. Das ist schließlich das eigentliche Thema des Romans: dass ein Mann Ende 50 noch mal loszieht und sich seiner letzten Aufgabe stellt, koste, was wolle.

Was war für Sie die Herausforderung in den Bergen: die Einsamkeit auf 5.000 Metern oder die physischen Anstrengungen?

Die größte Herausforderung war, und zwar Tag für Tag, sich selbst zu überwinden und wieder loszugehen, weiterzugehen. Es gibt dort ja keine Wanderwege, und selbst wenn es über Gletscher geht, seilt man sich nicht an; man weiß, daß die Gletscherspalten erst ab sieben, acht Uhr morgens aufreißen und bricht entsprechend früh auf, andere Sicherheitsvorkehrungen gibt es nicht. Oder die Geröllfelder: Sie sehen unspektakulär aus, aber jeder Schritt kann hier der letzte sein.

Ihr Held sucht in diesen Gebirgslandschaften nach den Gebeinen von Timur. Warum sind sie wichtig?

Durch den Anschlag aufs World Trade Center haben wir im Westen lernen müssen, dass ein Terrorakt als symbolischer Sieg gefeiert werden kann – diesen schrecklichen Gedanken habe ich aufgenommen. In meinem Roman ist allerdings der Westen auf der Verliererstraße und sucht in seiner Not nach einem symbolischen Sieg, mit dem er die islamischen Truppen demoralisieren könnte. Das Symbolhaltigste, Mächtigste, was der kriegerische Islam zu bieten hat, ist gewiß das Mausoleum von Timur alias Tamerlan. Er war der größte Eroberer unter der Fahne des Islam, von Samarkand aus hat er Ende des 14. Jahrhunderts fast ganz Asien beherrscht. Meine Hauptfigur sucht nach seinen Gebeinen, die bereits heute wie die eines Heiligen verehrt werden. Im Roman hat man sie längst in ein Versteck in den Bergen gebracht.

Das ist eine fiktive Geschichte. Reicht dennoch etwas von dem, was Sie erzählen, über den Roman hinaus?

Die aktuellen Ereignisse spielen dem weltpolitischen Szenario des Romans leider sehr entgegen. Im Roman wie in der Wirklichkeit wird das liberale Mitteleuropa zunehmend bedroht von Gegenaufklärung aller Art – der großrussische Traum ist nur eine dieser Formen, der radikale Islam eine andere. Aber auch unsre eigne Gleichgültigkeit ist gefährlich. Für uns sind Freiheit und Toleranz selbstverständlich geworden. Das ist nicht in allen Teilen der Welt so; wenn man in Regionen außerhalb Mitteleuropas reist, wird es sofort deutlich. Es ist die Aufgabe jeder Generation, die Ideen der Aufklärung neu zu erwerben und zu schützen.




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