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Matthias Politycki Radio
 Essays & Artikel   Blick in die Zukunft

Blick in die Zukunft

16/11/2013 - 01/01/2014
Matthias Politycki
Blick in die Zukunft


erschienen/erscheint in:
u.d. Titel "Leuchtende Stadt" in: Atlas. Das Magazin von Gebrüder Weiss. Ausgabe 02/2014.

 

Leseprobe

Als ich im Mai 1985 zum ersten Mal dort war, war Kanton alias Guangzhou ein verschlafenes Millionendorf. Zu besichtigen gab es einen Sechs-Feigenbaum- und einen Guangxiao-Tempel, dazu immer mal wieder einen gut gefüllten Spucknapf. Die einzige wirkliche Attraktion war der Qingping-Markt: ein riesiges Areal, auf dem in Verschlägen Hunde, Katzen, Eulen, Adler, aber auch Käfer, Tausendfüßler, Schlangen oder Schildkröten zum Verkauf standen, allesamt lebend, versteht sich, und zum baldigen Verzehr bestimmt.
Heute, fast dreißig Jahre später, steht der Qingping-Markt noch immer in jedem Reiseführer, doch abgesehen vom Qingping Drug Market, auf den die Touristen sogar mit einem Schild hingewiesen werden (um dort dann allerdings nur getrocknete und geschredderte Meerestiere zu finden), sucht man ihn vergebens. Die eigentlichen Sehenswürdigkeiten, lebend zum Verkauf angebotene Hauptspeisen, sind mitsamt den Spucknäpfen, den melodisch bimmelnden Einheitsfahrrädern und den Teebechern für „Helden der Arbeit“ verschwunden. In Vororte, sagen die einen; in Hinterhöfe, sagen die anderen. So sehr man sich bemüht, dem verschwundenen Herzstück des Qingping-Marktes auf die Spur zu kommen, so diffus bleiben die Auskünfte.
Dabei ist das alte Kanton längst noch nicht so brutal wegsaniert wie das alte Peking oder das alte Shanghai; nach wie vor machen die Rentner mitten auf der Straße Leibesübungen, sind die Ladenschilder in Maggi-Gelb mit Maggi-roter Schrift, und wenn man Pech hat, ist der Weg durch einen Haufen enthäuteter Ziegen versperrt, die sehr weiß und sehr schlaff auf dem Bürgersteig liegen.
An lebenden Tieren entdeckt man bloß noch Hühner. Und natürlich Fische, die wie eh und je bei lebendigem Leib entzweigehackt werden, sofern ein Teil zum Verkauf ansteht. Die zuckenden Kopfstücke, nicht selten meterlang, werden immer wieder aufrecht hingestellt, sofern sie durch das Aufreißen von Maul und Kiemen aus dem Lot geraten sind. Und wenn man Glück hat, stößt man ... tatsächlich auf einen Hund, allerdings einen an der Leine: Ein Neureicher führt sein allerneuestes Statussymbol aus. Gern in pittoresken Kleidchen und mit vier kleinen Schuhen über den Pfoten. Ein Hund, den man sogar füttert, statt ihn zu essen? Sobald sein Herrchen stehenbleibt, ist er von einer gaffenden Menschenmenge umringt [...]




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