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 Essays & Artikel   Tamerlans Gelächter

Tamerlans Gelächter

26/01/2013 - 12/02/2013
Matthias Politycki
Tamerlans Gelächter
Vorbemerkung fürs Leseexemplar



erschienen/erscheint in:
Samarkand Samarkand


 
Als ich am 10. August 1987 zum ersten Mal in der Samarkander Altstadt stand, brodelte es dermaßen unorientalisch unbunt um mich herum, daß abseits der touristisch relevanten Bauwerke von einem Zauber der Seidenstraße nichts, gar nichts zu spüren war. Hingegen davon, daß „das alles hier“ demnächst in die Luft oder zumindest den russischen Kolonialherren gewaltig um die Ohren fliegen würde – es war die Zeit kurz vor Glasnost und Perestroika, schon 1991 sollte Usbekistan mit zahlreichen anderen Sozialistischen Sowjetrepubliken wieder seine Unabhängigkeit erlangen. Ich kann es nur mit meiner damaligen Naivität entschuldigen, daß ich die explosive Stimmung in der Stadt gewaltig überinterpretierte (eine friedliche Loslösung von Rußland nicht mal ansatzweise erwägend) und die Antizipation des Schreckens nicht anders zu fassen wußte denn als maßlos übertriebenen Gedanken: Hier wird er losgehen, der Dritte Weltkrieg.
Er tat es bekanntlich nicht. An Kriegen und kriegerisch sich zuspitzenden Krisensituationen rund um Samarkand war seither jedoch kein Mangel; und wer würde ernsthaft erwarten, daß die Region in den nächsten Jahren zur Ruhe kommen könnte? Die tatsächliche Entwicklung der Weltgeschichte zu antizipieren ist nicht das Sujet der Literatur; Konflikte zu erahnen, lang bevor sie ausbrechen, schon eher – konkrete Rahmenbedingungen spielen dabei allenfalls eine stimulierende Rolle. Die impulsive Überzeugung, daß ich in Usbekistan quasi an der Demarkationslinie zweier sich neu formierender Weltmächte stand (inzwischen sind mit der NATO und China sämtliche „Global Player“ vor Ort), setzte meine Phantasie jedenfalls gewaltig in Bewegung. Und das zu einem Zeitpunkt, da ich mich gerade fünf Jahre lang mit einem Roman herumgeschlagen hatte, in dem es um „nichts weiter“ als die Farbe der Vokale ging!
Doch auch Timur alias Tamerlan, vielleicht der größte Barbar unter den Welteroberern, von dem ich anläßlich meiner Reise zum ersten Mal mehr als den Namen vernommen hatte, beschäftigte mich ungemein: Sein gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichtetes Reich ging nach seinem Tod rasch unter, so war es in jedem Reiseführer nachzulesen. Warum auch immer, ich nahm es wortwörtlich, zumindest was seine Hauptstadt Samarkand betraf, das damalige, das eigentliche Samarkand; in meiner Vorstellung lag es seither unter einem Berg begraben. Und er selbst, Timur, wartete darin wie in einer Art zentralasiatischem Kyffhäuser auf den Tag, da er – nicht etwa als Friedenskaiser wie Barbarossa, sondern als Kriegskaiser sein Weltreich wieder errichten würde.
Wahrscheinlich war es ebenjene Urangst vor den Mongolen, den Hunnen, den Tataren – damals wußte ich die verschiedenen „Horden“ noch nicht zu unterscheiden –, daß ich gar nicht anders konnte, als an Stoff und Thema so lange dranzubleiben, bis ich mich davon durch Niederschrift befreit haben würde. Denn obwohl dies so schnell nicht gelingen wollte, war ich mir seltsam sicher, daß es irgendwann klappen würde, klappen mußte; und so zurückhaltend ich ansonsten meine literarischen Pläne preisgab, so bereitwillig schwadronierte ich von „Samarkand Samarkand“, wenn das Gespräch auch nur einen halbwegs geeigneten Vorwand dazu lieferte. Als ob ich all die mißglückten Versuche, den Stoff zu Papier zu bringen, durch mündliches Erzählen kompensieren wollte. Oder als ob ich mich dadurch zum Durchhalten zwingen wollte, um die endgültige Niederlage nicht irgendwann ebenso öffentlich reihum einräumen zu müssen. Bald hatte ich „Samarkand Samarkand“ auch gegenüber Lektoren oder Verlegern erwähnt, ja, den einen oder anderen Verlagsvertrag darüber abgeschlossen. Und dabei Vorschüsse eingestrichen, die ich dann mit anderen Büchern abgelten mußte. Je unschreibbarer der Roman wurde, desto beredter wußte ich ihn ersatzweise zu erzählen.
Zu schreiben versuchte ich ihn gleichwohl und immer wieder. Auch im Jahr 2000, als ich mit diesem Projekt zu Hoffmann und Campe kam, war ich wild entschlossen. Damit vor der nun endgültig anstehenden Niederschrift nichts mehr dazwischenkommen konnte, das die Inspiration möglicherweise von Samarkand hätte abziehen können, beschlossen wir, meine Frau und ich, unseren Urlaub in einem Land zu machen, das mich damals noch nicht sonderlich interessierte: Kuba. Bis zum vorletzten Tag ging der Plan blendend auf, dann ... mußte ich dem Verlag beichten, daß es wieder einmal nichts werden würde mit „Samarkand Samarkand“.
Am 23. Januar 2013, gut 25 Jahre nach der ersten Notiz dazu, konnte ich endlich das fertige Manuskript an den Verlag schicken. Von der Ursprungsidee erhalten hat sich auf den ersten Blick erstaunlich wenig, jedenfalls wenn man vom Stoff her denkt. Und dennoch war das, was in der jetzigen Version eher am Rande verhandelt wird, stets das treibende Motiv. Illustriert wird das recht gut durch ein Photo, das ich erst spät – ich glaube: im August 2009 –in Samarkand entdeckte, prompt die ganze Nacht nicht schlafen konnte und es tagsdrauf erwarb.
Es ist von Max Penson (1893-1959) und zeigt einen namentlich nicht überlieferten Bewohner des Sowjetreiches, den der berühmteste Photograph Usbekistans ca. 1920-40 vor die Kamera bekam. Für mich war es freilich kein anderer als Timur, der da porträtiert worden, und ist es noch heute: derjenige im Berge, der seiner Wiederauferstehung entgegenlebt und -lacht oder auch -schreit, so genau ist das auf dem Bild ja nicht zu entscheiden. Das Photo stand seither auf meinem Schreibtisch, und als ich mich zum Jahreswechsel 2011/12 ein letztes Mal hinsetzte, um den Roman zu Papier zu bringen, schrieb ich gewissermaßen die ganze Zeit darauf zu. Vielleicht ist die Sache nur deshalb geglückt, weil in dieser Photographie der „Urschrecken“ meiner ursprünglichen Phantasien zum Ausdruck gebracht war und mich mit jedem Blick, den ich während des Schreibens darauf warf ... jedenfalls nicht zur Ruhe kommen ließ. Als mir der Stoff Mitte 2012 erneut über den Kopf zu wachsen drohte, setzte ich anstelle der geplanten weiteren Bücher das Photo selbst, nämlich als abschließendes „Fünftes Buch: Tamerlans Gelächter“ – zugleich Schmerzensschrei, Triumphgeheul, ausbrechender Wahnsinn. Auf diese Weise konnte ich mich damit abfinden, daß ich das meiste auch diesmal gar nicht erzählt hatte; zum Glück, wie man mir versicherte – und wenige Tage, bevor das Manuskript tatsächlich in Satz ging, auch noch das Photo abhandelte und damit das „komplette“ Fünfte Buch.
Wie überraschend schnell diese 25 Jahre dann plötzlich zu Ende waren! Und nun? Es fühlt sich etwas merkwürdig an, fast so, als hätte ich mich im Verlauf der Zeit daran gewöhnt, dies ungeschriebene Buch mit mir herumzuschleppen und nie wieder loszuwerden; und als würde ich nun, da ich den Stoff tatsächlich und endgültig loslassen muß, bereits den Phantomschmerz spüren, der mich vielleicht die nächsten 25 Jahre begleiten wird.




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