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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   „Ein fabelhaft durchdachtes und bewältigtes Sprachfest“

„Ein fabelhaft durchdachtes und bewältigtes Sprachfest“

10/12/2011 - 22/12/2011
Matthias Politycki
„Ein fabelhaft durchdachtes und bewältigtes Sprachfest“
Interview: Arne Schneider



erschienen/erscheint in:
Bericht des Goethe-Instituts für den Fachbeirat "Literatur und Übersetzungsförderung", 23/12/11; als Teil des internen Newsletters des Goethe-Instituts ("goethe aktuell") weltweit verschickt, Januar 2012.

 
„Ein fabelhaft durchdachtes und bewältigtes Sprachfest“

So fasste Hans Pleschinski seine Eindrücke vom 2. Münchner Literaturfest zusammen, das am 27. November nach 18 Tagen und 140 Veranstaltungen mit 70 Autorinnen und Autoren endete. Rund 160.000 Interessierte besuchten allein die Publikums-Ausstellung der 52. Münchner Bücherschau im Gasteig.
50 Autorinnen und Autoren beleuchteten im von Matthias Politycki kuratierten forum:autoren unter dem Motto „Die Welt auf Deutsch“ die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Statements der forum:autoren-Gäste können auch im Literaturfest-Blog fabmuc.de nachgelesen und diskutiert werden. In 66 Tagen wurde die homepage dieses Blogs von 31.000 Usern besucht. Die Veranstaltungen der Bücherschau im Gasteig, die Lesungen und Diskussionen des forum:autoren, das Literaturhausprogramm mit dem Markt der unabhängigen Verlage und die Veranstaltungen des Geschwister-Scholl-Preises zogen insgesamt rund 12.000 Besucher an. Ein weiteres Highlight des Festivals waren die Schulklassenprogramme der Bücherschau und des forum:autoren. An diesen Veranstaltungen beteiligten sich zusätzlich rund 7.000 Kinder und Jugendliche.

Das Literaturfest bietet auch viele Ideen für Kolleginnen und Kollegen, die in den Goethe-Instituten weltweit deutsche Literatur vermitteln. Mit dem Leiter des Münchner Literaturhauses und Geschäftsführer des Münchner Literaturfests Dr. Reinhard G. Wittmann und dem Schriftsteller und diesjährigen Kurator des forum:autoren Matthias Politycki sprach Arne Schneider, Leiter des Bereichs „Literatur und Übersetzungsförderung“ des Goethe-Instituts.




München stand 18 Tage ganz im Zeichen der Literatur: Podiumsdiskussionen und Lesungen, eine Bücherschau, Radioübertragungen, Präsentation von Sach- und Kinderbüchern, Ausstellungen, Schreibworkshops, vielfältige Programme für Kinder sowie – beim forum:autoren – u.a. Schulbesuche von Autoren, „Klartext“-Diskussionen an der Uni, öffentliche Empfänge von Verlagen, eine Ausstellung der unabhängigen Verlage, eine Literaturfest-Party mit Poetry-Lesung und Bigband, eine Lyriklounge und ein Festivalblog. Was ist das Band, das diese Vielzahl und Vielfalt von Veranstaltungen zusammenhält?


Reinhard G. Wittmann: Bei der Konzeption für das Literaturfest bin ich davon ausgegangen, dass es verschiedene Interessenten für Autoren und Literatur gibt: Es gibt populäre Stoffe, es gibt anspruchsvolle Literatur, und es gibt die Möglichkeit, etwas ganz Besonderes zu gestalten. Und das gestaltet jeweils ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin das sogenannte forum:autoren. Das Literaturfest besteht also aus drei Säulen unter dem Dach des Titels LITERATURFEST MÜNCHEN.


Die Veranstaltungen, die ich gesehen habe, waren meist brechend voll. Was ist für Sie der wichtigste Grund für den Publikumserfolg?


Reinhard G. Wittmann: Für das forum:autoren liegt sicherlich der Schlüssel an der immens umfangreichen Presseberichterstattung – dadurch wurden viele Leute animiert, die Veranstaltungen zu besuchen.


Welches Budget hatten Sie zur Verfügung? Woher kam das?


Reinhard G. Wittmann: Das Gesamtbudget dürfte alles in allem um die 500.000 Euro liegen. Wir hatten keine Sponsoren, sondern nur die Beteiligten haben es finanziert: das Kulturreferat München, der Börsenverein des Buchhandels Bayern und die Verlage, das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, die Stiftung Literaturhaus sowie einige kleinere Beiträger.


Herr Politycki, Ihre Veranstaltungen beim forum:autoren waren streng durchgetaktet, hatten oft überraschende Elemente. Bei den „Klartext“-Podien in der Universität etwa wurde erst auf dem Podium ausgelost, welcher der zehn bis zwölf anwesenden Autoren und Experten sein Statement abgibt. Wenn ein Statement länger als fünf Minuten dauerte, wurde der Redner unterbrochen. Auch die Diskussionszeit war kurz und strikt begrenzt. Das garantiert Kurzweiligkeit. Aber können Fragen da überhaupt noch in der notwendigen Tiefe diskutiert werden?


Matthias Politycki: Darum geht es meiner Meinung nach bei einem Literaturfest dieser Dimension nicht in erster Linie. Die Klartext-Debatten an der Uni sollten Gesprächsimpulse liefern – für Zuhörer wie Podiumsteilnehmer gleichermaßen – die idealerweise über das Ereignis als solches fortwirkten und vielfältig aufgegriffen wurden. Und das wurden sie dann ja auch, wie ich von vielen Seiten gehört habe, gerade von den Studenten – was mir auch wichtig war: Ich wollte die Germanistik wieder näher an die Gegenwartsliteratur heranführen, daher stand bei meiner Planung die Uni als Kooperationspartner von Anfang an ganz oben auf meiner Liste.


Lyrik hat es auf dem Literaturmarkt noch schwerer als Prosa. Doch beim Literaturfest hörten hunderte Menschen in der Muffathalle einer Slam-Lesung mit jungen deutschen Dichtern wie Bas Böttcher und Albert Ostermaier zu. Wie kann man Menschen für Lyrikveranstaltungen gewinnen?


Matthias Politycki: Eine kleine Korrektur: Es war kein Slam, sondern eine traditionelle Lesung, nur eben im Fünfminutenformat. Bei meiner Lesereise in England – auf Englisch und für ein englisches Publikum – habe ich akzeptieren müssen, dass man nirgendwo länger als sieben Minuten lesen durfte, der Rest war fürs Gespräch vorgesehen. Das Überraschende: Diese Art der Lesung funktionierte genauso gut wie der deutsche Typus, bei dem man ja naturgemäß viel länger liest; die Fragen der Zuhörer waren keineswegs oberflächlicher. Und genau dieses Modell, natürlich nicht in dieser Radikalität, habe ich meiner Konzeption aller Veranstaltungen zugrunde gelegt: Gespräch, Begegnung, Hintergrundsinformation statt purer Darbietung von Texten.


Verändern solche Events das Wesen der Lyrik?


Matthias Politycki: Das wohl nicht; aber sie rücken eine andere Art von Lyrik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit als diejenige, die in der deutschen Lyrikszene ansonsten den Ton angibt. Wer nur wenige Minuten Zeit hat, sein Publikum zu gewinnen oder sogar zu begeistern, der muss schnell auf den Punkt kommen, muss wesentlich werden, muss mit seinen Erfahrungen und seinem Sound „zünden“. Lyrik ist die schnellstmögliche Kommunikation zwischen Menschen; für diesen Austausch mit dem Leser/Zuhörer auf Augenhöhe muss man freilich als Lyriker auch bereit sein.


Es gab beim forum:autoren keinen Raum für Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Haben Sie etwas gegen die „klassische Publikumsfrage“?


Matthias Politycki: Nicht grundsätzlich. Aber ein Festival, wie gesagt, bedarf anderer Grundsatzentscheidungen als eine Einzellesung; wir haben durch unsere schnell geschnittenen Formate von Tag zu Tag mehr Publikum gezogen, es hat sich anscheinend herumgesprochen, dass es im forum:autoren auch ohne Publikumsfragen interessant und substantiell zugeht. Überdies hatten wir für derartige persönliche Nachfragen ja täglich Gelegenheit im „Salon der lebenden Schriftsteller“ geschaffen.


Warum gibt es das forum:autoren innerhalb des Festivals?


Reinhard G. Wittmann: Mit dem forum:autoren hebt sich das Münchner Festival deutlich von allen anderen ab. Damit wird eine inhaltliche, programmatische Botschaft verkündet: die Botschaft, die der jeweilige Kurator formuliert. Bei Ilija Trojanow hieß 2010 das Motto „Lokal:Global“. Er wollte vermitteln, dass Weltliteratur heute nicht mehr zu denken ist ohne die Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Lateinamerika. Dementsprechend waren Schriftsteller aus allen Kontinenten zu Gast. „Die Welt auf Deutsch“ war 2011 der Titel, den Matthias Politycki seinem Programm voranstellte.  Die Kuratorin 2012 ist Thea Dorn und ihr Motto lautet „Hinaus ins Ungewisse!“. Ihr geht es um eine Literatur, die sich den großen Fragen der Menschheit stellt, um Autoren, die an unseren Gewissheiten rütteln und über das Hier und Jetzt hinausschauen. Und wie jedes Jahr wird sie für das Thema neue Veranstaltungsformate entwickeln. Beides zusammen, Thema und Präsentation, macht das Reizvolle des Kuratorenprogramms aus.


Ich erinnere mich an eine vierstündige Veranstaltung „Vier Fragen an die deutsche Literatur“, an der ja auch das Goethe-Institut beteiligt war. Vier Stunden zuhören ist ja nicht gerade wenig, aber die Veranstaltung ging vorbei wie ein Fingerschnippen. Das lag sicher auch wieder an der Taktung der Statements und Diskussionen. Es lag aber auch an der Moderation. Was macht einen guten Moderator aus? Was ist für Sie die größte Qual, wenn Sie einer Diskussion zuhören?


Matthias Politycki: Die größte Qual: Selbstverliebtheit von Gesprächsteilnehmern. Bei besagter vierstündiger Veranstaltung stand immer die Sache im Vordergrund, das Thema, der Erkenntnisgewinn; ein guter Moderator, wie ich ihn mir wünsche, mahnt dieses Ziel immer mal wieder durch seine Nachfragen an, auf der anderen Seite muss er jede Form von Selbstdarstellung auf Kosten der anderen Gesprächsteilnehmer zu unterbinden suchen. Das klappt freilich nur bei gegenseitiger Achtung, ein Moderator sollte als Gleichberechtigter mitdiskutieren, nicht nur Schiedsrichter oder gar Balljunge sein wollen.


Alle Autoren sollten drei Tage auf dem Festival sein und dem forum:autoren für mehrere Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Was erwarten Sie noch von einem Autor, der am Festival teilnimmt?


Matthias Politycki: Ich habe nur Schriftsteller ausgewählt, keine Gelegenheits- oder Genre-Autoren; ich habe mich nicht von Neuerscheinungen oder Trends bei meiner Auswahl lenken lassen, mich also nicht so sehr an den (womöglich neu erscheinenden) Büchern, sondern an den dahinterstehenden Menschen orientiert. Ein guter Schriftsteller ist mehr als die Summe seiner Bücher; er hat immer etwas zu sagen und ist ein Garant für einen erfüllten Abend, selbst wenn sein aktuelles Buch nicht sein allerstärkstes sein sollte.


Sie haben beim forum:autoren auf Blockbuster und Mainstream verzichtet. Die Veranstaltungen selbst fanden nicht an „spektakulären“ Orten statt, sondern in etablierten Institutionen wie dem Literaturhaus und an der Uni.


Matthias Politycki: Natürlich muss Literatur auf einem Festival mit Vergnügen und Verve daherkommen. Hingegen nicht zwangsläufig als Event. Mit der Rückbesinnung aufs Wesentliche wollte das forum:autoren ein Zeichen setzen - und siehe da, es kam genauso viel Publikum, als wenn wir von vornherein auf Masse gesetzt hätten. Nur eben ein anderes Publikum, eines, das wir früher noch als Bildungsbürgertum abgetan und auf dessen fortdauernde Existenz wir heute als Veranstalter nur wieder bewusst bauen müssten, um dem angeblich herrschenden Zeitgeist zu trotzen.


Gibt es irgendetwas, was Sie nächstes Mal anders machen wollen?


Reinhard G. Wittmann: Das nächste Mal ist immer das erste Mal. Neue Kuratorin, neues Programm, neues Format, neue Partner. Die Kommunikation via digitale Medien wollen wir ausbauen. Aber Bewährtes wird natürlich beibehalten, etwa die Partnerschaft mit dem Goethe-Institut, der Ludwig-Maximilians-Universität sowie den Münchner Gymnasien.

Matthias Politycki: Auf den Erfolg, den wir mit unseren Veranstaltungen hatten, haben wir – das gesamte Team – ein komplettes Jahr lang hingearbeitet. Wir haben ja nicht nur über Einladungen an Schriftsteller oder Themen für Abendveranstaltungen nachgedacht, sondern auch über all die Rahmenbedingungen, die die Voraussetzung jeder erfolgreichen Veranstaltung sind – bis hin zur Lichtregie, um nur ein Beispiel zu nennen, oder zur Frage der Bestuhlung/Nichtbestuhlung bei den „Salons“ am späten Abend. Das macht man nur einmal; die neue Kuratorin wird ganz von selber andere Schwerpunkte setzen und entsprechend anders vorgehen.




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