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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   "Nicht jeder Mensch ist ein Künstler"

"Nicht jeder Mensch ist ein Künstler"

21/09/2011 - 27/10/2011
Matthias Politycki
"Nicht jeder Mensch ist ein Künstler"
Interview: Britta Schultejans



erschienen/erscheint in:
leicht gekürzt als dpa-Meldung, 3/11/11

 
Herr Dr. Politycki, Sie treten in diesem Jahr die Nachfolge von Ilija Trojanow als Kurator des Autorenforums beim Literaturfest München an. Was haben Sie vor?

Eine Standortbestimmung der deutschsprachigen Literatur. Obwohl ich ein bekennender Reise-Junkie bin und ohne die Erfahrungen, die ich in fremden Ländern sammle, viele meiner Bücher gar nicht schreiben könnte. Doch das Wichtigste bei jeder Reise ist für mich der Tag der Heimkehr: All das neuartig Fremde, das man in der Welt entdeckt, genießt, bestaunt, kann erst dort, wo man geistig und kulturell zu Hause ist, zu etwas Eigenem werden. Wo sind wir das freilich noch, angesichts der Globalisierung und dem damit verbundenen Druck auf regionale Kulturen? Was können wir, angesichts der anhaltenden Flut an Novitäten, über die deutschsprachige Literatur als solche überhaupt noch sagen? Wir haben uns dazu entschlossen, mehr als 50 Autoren zu präsentieren, die wir für wichtig halten – ob sie eine Neuerscheinung mitbringen, ist dabei zweitrangig. Sie interessieren uns als Vertreter der Gegenwartsliteratur, nicht als Verfasser eines brandaktuellen Buches.

Und was hat das Publikum davon?

Es hat die einmalige Gelegenheit, sich über den Tag hinaus ein Bild unserer Gegenwartsliteratur zu machen. Wir wollen das Blickfeld wieder bewußt verengen, wollen uns reduzieren – aufs Literarische im engeren Sinne. Wir machen das „forum:autoren“ also für ein Publikum, das sich dafür interessiert, wo unsere zeitgenössische Literatur steht und wohin sie geht. Ein bißchen anspruchsvoll sind wir schon; wir wollen nicht nur auf Quote setzen.

Was wollen Sie denn?

Wir wollen uns auf Schriftsteller konzentrieren, auf Schriftsteller im eigentlichen Sinn des Wortes; sie werden ausnahmslos selber aus ihren Büchern lesen, und zwar an den traditionellen Literaturorten der Stadt. Dennoch werden wir ein größeres Publikum ziehen, glaube ich, weil sich damit auch eine Idee verkörpert, die jede einzelne Veranstaltung trägt und beflügelt.

Warum hat es denn das, was man klassisch als Literatur bezeichnen würde, heute so schwer?

Schriftsteller im engeren Sinn des Wortes sind im Moment, von Ausnahmen abgesehen, im Literaturbetrieb eher marginalisiert. Bestseller-Autoren jeglicher Provenienz dominieren den Markt, ohne daß es dazu noch nennenswerte Gegenkräfte im Kulturbetrieb gibt; und wo Verkaufszahlen und Listen regieren, da hat es die Literatur schwer. Die Verlage setzen in ihren Programmen entsprechend zunehmend auf „gehobene Unterhaltung“, die allerdings wie anspruchsvollere Literatur verpackt und verkauft wird: Ebenjene unmittelbar benachbarten falschen Freunde machen es der Literatur noch schwerer. Das Zentrum des Literaturbetriebs ist nicht mehr da, wo auch die Literatur ihr Zentrum hat; es wäre schön, beides wieder näher aneinanderzuführen.

Seit wann beobachten Sie diese Entwicklung?

Ich habe meinen ersten Roman 1987 veröffentlicht – einen extrem dicken Schinken über die Farbe der Vokale, weiß Gott kein leichtes Lesefutter. Dennoch tauchten über Monate immer wieder große Rezensionen auf, die Kritiker konnten sich damals noch die Zeit nehmen, ein solch sperriges Buch in der ihm angemessenen Muße zu lesen und zu bedenken. Für derlei wäre heute einfach keine Zeit mehr. Und so ist es mittlerweile in der Literatur fast schon wie in der Unterhaltungsmusik: Wo früher noch die großen Bands zählten, zählen heute die einzelnen Hits. Auch die deutschsprachige Gegenwartsliteratur droht, sich in einer Abfolge einzelner Hits aufzulösen – ein One-Hit-Wonder nach dem anderen. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch, keine Frage. Aber das Lebenswerk eines Schriftstellers ist etwas ganz anderes.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der deutschsprachigen Literatur denn ein? Gibt es etwas, das Sie mit Ihrem Literaturfest beweisen wollen?

Beweisen möchte ich gar nichts. Allenfalls, dass die deutschsprachige Literatur genauso welthaltig und gehaltvoll ist wie jede andere Literatur auch. Noch in den 90er Jahren haben wir für eine „Neue Lesbarkeit“ unserer Literatur kämpfen müssen, für eine Aufweichung der starren E/U-Trennung. Für Bücher, die an ihrer Textoberfläche vergnüglich zu konsumieren sind und dennoch all das Tiefe und Tiefsinnige darunter zu bieten haben, das man von großer Literatur zurecht erwartet. Dieser Kampf war am Ende sehr erfolgreich, diese Art von Literatur hat sich durchgesetzt – mittlerweile vielleicht ein bisschen zu sehr. Würden wir heute eine Grundsatzdebatte über die Gegenwartsliteratur führen, ich würde wahrscheinlich für eine „Neue Unlesbarkeit“ plädieren. Zumindest gegen eine allzu glatte Lesbarkeit, die alles haben mag, bloß keinen Abgrund zwischen den Zeilen.

Sind Ihre Ansichten elitär?

Nein, überhaupt nicht. Aber nicht jeder Mensch ist ein Künstler, das wäre ein falsch verstandener Begriff von Gleichheit.




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