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Matthias Politycki Radio
 Interviews & Gespräche   „Als Ästhet ist man immer auch schon Moralist“

„Als Ästhet ist man immer auch schon Moralist“

17/08/2010 - 19/09/2010
Matthias Politycki
„Als Ästhet ist man immer auch schon Moralist“
Interview: Stephanie Waldow



erschienen/erscheint in:
St. Waldow (Hg.): Ethik im Gespräch. Bielefeld (transcript) 2011.

 

Leseprobe

Mitte der 1990er Jahre wurde eine neue Epoche ausgerufen, wie ich in Ihrem Essayband "Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft" lesen konnte. Damit ging, so Ihre These, eine "Neue deutsche Lesbarkeit" einher. Ist diese neue deutsche Lesbarkeit mit einer ethischen Wende verbunden, und zwar in der Form, als dem Leser eine Haltung angeboten wird, etwas, woran er sich abarbeiten kann?

Die Wende kam nicht etwa ’89, wie man gern behauptet, es dauerte ein paar Jahre, bis sich das Neue auch tatsächlich durchsetzen konnte. Vorangegangen war eine Grundsatzdebatte in den Feuilletons, die das Terrain ebnete. Ich selber habe mich im Verlauf der Debatte immer weiter vom experimentellen Erzählen weg und hin zu dieser Neuen Lesbarkeit orientiert, mit "Jenseits von Wurst und Käse" wechselte ich 1995 gewissermaßen die Seiten. Abgesehen vom ästhetischen Zugewinn ging es freilich auch um Handfesteres, um einen regelrechten Überlebenskampf gegen die US-Bestsellerkultur, die damals den Buchhandel dominierte. Leider ist der Kampf allzu gut ausgegangen; würde man jetzt erneut antreten, müsste man ihn gegen die Übermacht einer stromlinienförmig „gut gemachten“ Belanglosigkeit führen. – Natürlich wurde auch diese Debatte mit Prämissen geführt; eine davon klang wie eine altvertraute Selbstverständlichkeit, war im Lauf der ausfransenden Moderne aber anscheinend in Vergessenheit geraten: Nicht das Vergnügen des Autors ist Hauptzweck des Schreibens, sondern dasjenige des Lesers. Wieder-jemandem-erzählen-Wollen ist gewiß noch keine moralische Leistung im philosophischen Sinne, immerhin jedoch eine eminente Selbstverpflichtung, eine Umbegreifung unsrer Autorschaft, weg von Nabelschau und Avantgarde, hin zur Leselust des Rezipienten. Die Moral bestand vielleicht darin, dass sich die Vertreter einer jüngeren Schriftstellergeneration nicht mehr als quasi-autonome Genies begreifen wollten (und ihr Schreiben als Eingebung), sondern als Dienstleistungsgewerbe (und Schreiben auch als Handwerk). So schockierend derartige Vokabeln in ihrer Anwendung auf den literarischen Produktionsprozeß auch sein mögen, die Haltung, die sich dahinter verbirgt, ist nichts weniger als Demut, verbunden mit der wiederentdeckten Achtung gegenüber dem Leser, der den Schreibenden durch seinen Akt des Lesens ja eigentlich erst zum Schriftsteller macht.

Müsste man nicht an der Stelle zwischen Moral und Ethik differenzieren und anstatt Moral eher Ethik sagen? Ethik verstanden als Gesprächsangebot, als sprachliche Auseinandersetzung mit dem Anderen, während Moral eher etwas Gesetztes ist, etwas, was ich vorgebe.

Einverstanden; aber zusätzlich zu dieser grundsätzlichen Haltung, die ein Buch als Kommunikationsmedium begreift, kommen auch ganz klare moralische Einzelprämissen, die man als Schriftsteller auf seine spezifische Weise vertritt. Damit steht man für eine gewisse Position, die man in Interviews, Podiumsgesprächen oder Essays explizit vertritt. Und in seinen genuin literarischen Werken zumindest implizit, schließlich kann man beim Fabulieren zwar alle möglichen Figurenperspektiven bedienen und mit Meinungen und Wertungen beliebig spielen, dabei jedoch niemals ganz aus der eigenen Haut herausfahren. Auch ein Schriftsteller, weil Mensch, hat einen Standpunkt, seinen Standpunkt, der als Summe all seiner beständig sich entwickelnden moralischen Einzelprämissen möglicherweise immer leicht in Bewegung ist.

Der moralischen Einzelprämissen, die von Dir in dem Moment gesetzt werden?

Von einer bewußten Setzung würde ich nicht sprechen, und schon gar nicht in einem Roman oder Gedicht: Ein moralischer Schriftsteller espressis verbis bin ich ebensowenig wie ein politischer – die Texte müssen stimmen, ob auch die Moral darin die richtige ist, darf mich beim Schreiben nicht interessieren. Außerhalb des Fiktionalen, überall dort, wo ich als Person direkt gefordert bin, vertrete ich hingegegen unmißverständlich klare Thesen. Denn als Schriftsteller, davon bin ich überzeugt, muß ich nicht nur mein erzählerisches oder lyrisches Handwerk beherrschen wie es ja auch jeder Autor muß, sondern einen Standpunkt in der Gesellschaft einnehmen, eine Haltung, und das hat ganz zwangsläufig mit Moral zu tun. Wir Schriftsteller müssen etwas zurückgeben an die Gesellschaft, nicht nur in Form von Büchern, sondern, ganz einfach, indem wir uns ein bißchen um sie kümmern, als Sprachrohr einer kleinen intellektuellen Minderheit. Wenn wir deren spezielle Sichtweise, deren zutiefst humane Position nicht ins gesellschaftliche Gespräch einbringen, wer täte es dann? (...)




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