Interviews & Gespräche


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„Der Tag der Heimkehr ist der wichtigste“

25/04/2017
Matthias Politycki
„Der Tag der Heimkehr ist der wichtigste“
Interview: Marie Lührs



erschienen/erscheint in:
Weser-Kurier, 26.4.2017.


Ohne den Inhalt Ihres neuen Buches gänzlich vorwegnehmen zu wollen – warum reisen Sie so gerne?

Weil ich gereist worden bin als kleines Kind. Verreisen habe ich genauso gelernt wie Zähneputzen. Der Urlaub war für meine Eltern der Höhepunkt des Jahres. Es ging nach Italien oder an die Nordsee. Das war unspektakulär, aber für mich ziemlich aufregend.

Gibt es einen Unterschied zwischen Reisen und Urlaub machen?

Zum Urlaub gehört für mich ganz wesentlich das Genießen. Die Hotels sind gebucht, man nimmt ab und an einen Drink in einem Straßencafé und läßt sich durch den Tag treiben. Auf diese Weise erholt man sich und, vor allem, hat Zeit füreinander. Reisen hingegen ist für mich fast Arbeit. Da bin ich getrieben von der Neugier auf eine fremde Kultur und versuche, meinen Tourplan möglichst gut abzuarbeiten. Immer mit der Offenheit, auch mal spontan alles über den Haufen zu werfen. Am Ende einer solchen Reise möchte ich nicht nur Sehenswürdigkeiten abgeklappert haben, sondern mehr wissen über die Welt und auch über mich selbst.

Vielen Auswanderern und Reisenden fehlen im Ausland das gute deutsche Brot und die Verläßlichkeit. Dafür sind sie von dem Temperament der Menschen in vielen Ländern begeistert. Wie hat das Reisen Ihre Sicht auf Deutschland verändert?

Oh, sehr! Wer deutsches Brot liebt, tut sich im Ausland immer schwer. Dafür gibt es dort alles mögliche, was dann bei uns „fehlt“. Zum Beispiel tea masala, der indische Gewürztee mit Milch, köstlich! Ich finde’s wunderbar, daß wir ihn in Deutschland nicht an jeder Straßenecke bekommen, es gehört für mich zum Reisen dazu, daß man in anderen Ländern anderes ißt und trinkt – und es zu Hause dann vermissen darf. Das gilt entsprechend für menschliche Verhaltensweisen und Charakterzüge – das sprichwörtliche Temperament der Südländer ist ja längst nicht alles, was uns Deutsche begeistern könnte. Ein anderes Beispiel wäre der öffentliche Raum in Japan. Es gibt dort noch eine Verantwortung füreinander, ein stillschweigendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Man hat nirgendwo und zu keiner Uhrzeit das Gefühl, daß man allein gelassen ist in der Welt. Diese fraglose Geborgenheit in der Gesellschaft gab es in Deutschland früher auch. Man bemerkt es aber erst wieder im Ausland.

Freuen Sie sich auch, wieder nach Hause zu kommen?

Und wie! Ich kann nur deswegen so begeistert drauflosreisen, weil ich immer wieder nach Hause kommen kann, und zwar mit dem Gefühl, daß ich nirgendwo anders zuhause sein will. Der Tag der Heimkehr ist der wichtigste jeder Reise, wenn wir uns auf Zuhause freuen, wissen wir, daß wir auch in unserem Alltag ein gutes Leben führen. Reisen verwandelt Fernweh im Lauf der Zeit in Heimweh, es macht uns tatsächlich zufriedener.

Sie sind schon so viel gereist. Gibt es immer noch Orte, die Sie gerne sehen wollen?

Ich habe das Gefühl, das meiste noch gar nicht gesehen zu haben oder jedenfalls nicht ausführlich genug. Nach Indien könnte ich jedes Jahr reisen und würde doch immer Neues entdecken. So langsam muß ich gewisse Reiseziele auch endlich angehen, ich kann ja nicht noch mit 80 auf den Kilimandscharo.

Wie weit planen Sie da voraus?

Leider nicht weit genug. Deswegen habe ich zwar viele interessante Länder kennengelernt, aber fast keinen meiner Sehnsuchtsorte. Ich dachte immer, dafür wäre irgendwann noch genug Zeit. Da habe ich mich leider getäuscht! Inzwischen herrscht dort Krieg, wahrscheinlich werde ich die Reise dorthin auch weiterhin nur in der Phantasie machen. Zum Beispiel zum Hoggar, einem Gebirge mitten in der Sahara. Oder nach Timbuktu in Mali.

Wenn Sie unterwegs sind, kommen Sie dann mit neuen Reiseideen zurück?

Auch auf Reisen mache ich täglich Notizen. Und auf dem Heimflug schreibe ich mir nicht nur die Highlights auf, sondern auch, was ich versäumt habe oder gern noch mal genauer sehen möchte. So könnte ich tatsächlich zu all den Ländern, die ich bereist habe, in meinen Aufzeichnungen nachgucken und Anregungen zu neuen Reisen bekommen. Tatsächlich habe ich sie aber erst während der Arbeit an meinem neuen Buch wieder gelesen.

Sie sind im Moment auf Lese-Tour unterwegs. Inspiriert Sie eine solche „Dienstreise“ auch zum Schreiben oder muß es da schon exotischer sein?

Ich unterscheide nicht zwischen exotischen Destinationen und scheinbar vertrauten. Auch Deutschland ist ganz schön exotisch. Außerdem will man auf Lesereisen ja nicht Sehenswürdigkeiten kennenlernen, sondern Menschen – die Leser. Übrigens ist es genau das, was mich auch am allermeisten in Schwarzafrika, auf Kuba oder werweißwo interessiert: wie die Menschen dort sind. Was Lesereisen betrifft, so kehre ich nicht selten an Orte zurück, an denen ich bereits aus einem anderen Buch gelesen habe, so entsteht langsam eine gewisse Vertrautheit in der Fremde, der deutschen Fremde. Dieses Vertrauter-Werden im Lauf eines Reiselebens empfinde ich als ein echtes Geschenk.

Reisen Sie privat auch innerhalb Deutschlands?

Vor einiger Zeit habe ich mit meiner Frau darüber geredet, ob es nicht schön wäre, mal zwei, drei Monate durch Deutschland zu reisen, ganz entspannt, als eine Art Altersprojekt. Und tatsächlich haben wir uns das vorgenommen.

Und wo geht Ihre nächste große Reise hin?

Nach Kambodscha. Unfreiwillig eigentlich – ich habe dafür ein einmonatiges Stipendium verliehen bekommen. Natürlich soll am Ende auch ein Text darüber entstehen, also fällt die Reise, streng genommen, unter „Arbeit“. Aber eine solche „Arbeit“ nimmt man natürlich sehr gern an.