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Matthias Politycki Radio

Leseprobe

Reduktion & Tempo
Als Erzähler unterwegs im 21. Jahrhundert


Klischees übers Schreiben halten sich hartnäckig – das Klischee, daß sich Gedichte mit Endreim nicht auf der Höhe der Zeit befinden, das Klischee vom Schriftsteller als dem großen Einsamen am Rand der Gesellschaft, von seinem Ringen mit der leeren Seite, von seiner entsagungsvollen Distanz zum Leben ... Eines der Klischees, das noch aus der klassischen Moderne stammt, führt mich mitten in mein Thema, es lautet: „Das größte Abenteuer ist die Sprache.“
Dieses bei Podiumsdiskussionen und Interviews gern geäußerte und als Beglaubigung gewichtiger Literatur beklatschte Wohlfühlstatement ist im Grunde eine Armutserklärung notorischer Stubenhocker. Welch jämmerlicher Begriff von Abenteuer liegt ihm zugrunde! Auch ich selbst habe jahrzehntelang an diesen Satz und das dahinterstehende Avantgarde-Konzept geglaubt. Das größte, das eigentliche Abenteuer ist die Sprache – das desavouiert einen Jon Krakauer ebenso wie einen Georg Forster, der sich auf Weltreise mit Kapitän Cook begab, einen Jack London ebenso wie einen Sven Hedin oder Bruce Chatwin. Und ihre Bücher gleich mit.
Heute sehe ich die Sache nüchterner: Der Schriftsteller ringt ein Leben lang mit der Sprache und erleidet dabei schwere Niederlagen. Das liegt jedoch nicht an der Sprache, es liegt an seinen begrenzten Fähigkeiten. Ebenjene Phrase, von einem Schreiner geäußert, würde lauten: „Das größte Abenteuer ist das Holz“, und hier wird die Hochfahrenheit des dahinterstehenden Gedankens sofort offenkundig. Kein Schreiner, der auf sich hält, würde diesen Satz äußern; wenn ich ihn als potentieller Kunde hören würde, ich würde mich auf der Stelle für einen anderen Schreiner entscheiden. Einen, der einfach seine Arbeit erledigt und den Tisch irgendwann abliefert. Seine Abenteuer mag er gern sonstwo suchen, aber bitte nicht ausgerechnet dort, wo er mir als Profi gegenübertritt [...]


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26/05/2017 | 13:00 Uhr
NDR Kultur
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