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Matthias Politycki Radio

Leseprobe

Ein Mann von vierzig Jahren


(Textprobe vom Anfang)

„Kein Grund zur Panik“
, legte ihm Mascha ihr linkes Bein über die Schulter und winkte der Tresenschlampe, damit sie gleich, „wie es gehört, du Stoffel“, mit ihm anstoßen konnte: „Kein Grund zur Panik, Grischa, die Pubertät hört bei euch Männern ja nicht mal mit vierzig wirklich auf.“
„Von wegen ‘naughty forty’“, winkte Max mit seinem Bierglas vom andern Ende der Couch eine Art Herzlichen-Glückwunsch, ohne dabei mit dem Blick von der Bühne abzugleiten: Gregor werde’s jetzt ja selber sehen, daß man mit vierzig so langsam in ein Alter reingerate, wo man eher vor dem --------- fliehe, vor dem ------------------------, als es, naja, als ihn anzustreben.
Während die Tresenschlampe mit aller vorwurfsvollen Umständlichkeit Pikkolos herbeischlurfte, während die Tresenschlampe ihr Mitternachtslächeln aufsetzte und nicht wußte, ob sie Gregor gratulieren oder Mascha berüffeln sollte, weil die hier in ihrer russisch-unorthodoxen Art mal wieder die Spielregeln auf den Kopf stellte. Gregor lächelte zurück und war im übrigen sehr damit beschäftigt, der Wölbung von Maschas Unterschenkel hinterherzuspüren und dabei so zu tun, als sei’s ihm ziemlich lästig, das langsame Hin & Her an seinem Hals, als bemühe er sich vergeblich, das Bein, die Wölbung, das Glänzen der Wölbung zu ignorieren, ja, als sei ihm alles im Moment lästig: Mascha, die zum Glück bald wieder runterrutschen würde von der Sofalehne, weil sie als nächste auf die Bühne mußte; Erykah, die ihm von ebendort, breitbeinig wippend, breitbeinig kreisend, aufs allerwerteste gratulierte und dabei, zwischen ihren bronzebraun schimmernden Beinen hindurch zwischen ihren bronzebraun schimmernden Kniekehlen: die Lippen zum Kußmund zusammenrollte. Die Lippen auseinander- und eine rosafarbene Kaugummiblase daraus hervorstülpte, die (wie oft hatte man das schon gesehen!) ganz langsam größer sich dehnte -
ganz langsam noch größer sich dehnte -
noch größer -
und -
       - platzte, die Blase: Lästig, das alles, die leuchtenden Lippen von Erykah, ihre leuchtenden Zähne, das Geklatsche der Clique, die ganz vorne saß, ganz-vorne-dran-am-Geschehen, das „Ho-ho“ aus der Nachbarkoje, das schräge Licht, die schräge HipHop-Version von Staying Alive, der Dunst, die vielen dicken Leiber rundum, nicht zu vergessen: Max, der den gesamten Abend schon dazu nutzte, vom DAX zu schwärmen und seiner „Performance“, von „Blue Chips“ („Mann, triple-A, sag ich dir!“) und ihrem „Kurs-Gewinn-Verhältnis“ - alles lästig, oberlästig und nicht mal annähernd so, bemühte sich Gregor auszustrahlen, wie er sich einen 22. April vorstellte, jedenfalls wenige Sekunden nach Mitternacht.

Am wenigstens lästig
, natürlich, war wieder mal Erykah: Je mehr Wäschestücke sie sich vom Körper zog, desto unberührbarer wurde sie, eine selbstherrliche Inszenierung aus der wippenden Hüfte heraus, eine rituelle Verzögerung sämtlicher Bewegungen, die an sich selbst genug hatten, eine autoerotische Eskalation der Langsamkeit - man hätte sie prügeln wollen, so herrlich langsam bewegte sie sich. Ja, Erykah, deutlich für jeden im Raum zu spüren, verzauberte sich selbst, wunschlos befriedigt an ihrem eignen Anblick, den ihr die Spiegel rundum zuwarfen, eine sakrale Nacktheit, die einem nichts andres übrigließ als festen Arsches zu sitzen und zu hoffen, daß sie immer dort oben bleiben würde, auf der Bühne, und zu hoffen, daß sie dort endlich verschwinden würde, so daß man wieder sein Bierglas ergreifen und die Demütigung vergessen konnte.
Aber genau das tat sie natürlich nicht, kniete sich vielmehr an den Bühnenrand und, unterm allgemeinen Anfeuerungsgejapse, beugte sich zu einem runter, der bislang bloß als kahlgeschorner Hinterkopf existiert hatte, als dünner, langgestreckter Hals, um den sich ein FC Bayern-Schal schlang. Beugte sich runter - wie oft hatte man das schon gesehen! - beugte sich runter, der Schalträger wagte’s nicht, sich zu rühren, beugte sich rüber zu ihm und ...

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Eine empörende Art & Weise, die Mandarine zu essen


(Textprobe aus dem Anhang von: „Ein Mann von vierzig Jahren“)



Das Mandarinen-Fragment G4[662]

Ohne Zweifel wird hier Frau Prof. Beinhofer geschildert, und zwar auf treffliche Weise, so daß wir den Text - für den wir ansonsten keinen Ort im Lauf der Erzählung finden konnten - wenigstens im Anhang beigeben möchten.



Eine empörende Art & Weise

, die Mandarine zu essen:
1.  überfallartig mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger (statt ausschließlich mit dem Zeigefinger!) aus ihrer Schale herausrupfend
2.  keine einzige der kleinen weißen Innenschalenverästelungen entfernend
3.  mehrere Stückchen auf einmal in den Mund führend
4.  andrerseits ein paar derselben einfach liegenlassend, als ob sie sich von alleine aufessen könnten

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Pfefferminzhuhn. Zwei Rezepte


(Textprobe aus dem Anhang von: „Ein Mann von vierzig Jahren“)

Weil der Genuß von Pfefferminzhennen für Schattschneider keine geringe Rolle zu spielen scheint (vgl. bes. Anm.262), geben wir hier - mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin - zunächst Frau Gschnitzers Originalrezept wieder (auf unsere Frage, wann denn dabei die Pfefferminzsoße ins Spiel komme, antwortete sie pikiert „Natürlich erst am Schluß“), dann die Version von Frau Prof. Beinhofer. Letztere ist textident mit einem handschriftlichen Brief des Herrn Dr. Bezold vom 26.6.1996: „Verehrteste! Hier das Huhn, um das Sie mich gestern baten ...“.


Huhn in kalter Pfefferminzsoße (TuZ/S[156])

Nimm das Huhn vom Hals her aus. Verarbeite Pfeffer, Liebstöckel, Ingwer, Hackfleisch, gekochte Graupen und gekochtes Hirn mit rohen Eiern zu einer einheitlichen Masse, gib noch Salz, etwas Öl, ganzen Pfeffer und reichlich Nüsse dazu und fülle damit das Huhn, so daß noch etwas Raum frei bleibt, dann koche es.

Huhn in lauwarmer Pfefferminzsoße (TuZ/S[157])
Aus einem Suppenhuhn koche man 2 l Hühnerbrühe.
In die Brühe lege man eine küchenfertig vorbereitete Poularde, bringe die Brühe zum Kochen, schöpfe den Schaum ab und lasse die Poularde auf kleinem Feuer eine knappe Stunde ziehen.
In der Zwischenzeit schäle man 4 Knoblauchzehen und dünste sie etwa eine halbe Stunde in 2 EL Butter weich.
Wenn das Huhn gar ist, 1/2 l Hühnerbrühe zu den Knoblauchzehen geben und aufkochen lassen, dann durch ein Sieb streichen.
Eine mehlige gekochte Kartoffel pürieren und davon so viel mit dem Schneebesen in die kochende Brühe schlagen, wie nötig, um sie zu binden.
Die Sauce mit Salz, frisch gemahlenem Pfeffer, Zitronensaft, etwas Chilipulver und einem halben TL Zimt abschmecken (wobei die alte Frage, ob man frischgemahlenen Pfeffer und Chilipulver kombinieren darf, hier dahingestellt bleiben möge).
Die Poularde häuten, tranchieren und auf einer vorgewärmten Platte mit Sauce überziehen.
Statt des Zimts kann auch Minze verwendet werden, besser noch Pfefferminzöl. Die übrigen Zutaten bleiben unverändert. Mit Pfefferminzöl heißt das Gericht „Minzhuhn Nausea“.

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