Menü öffnen
Menü schließen





english version



Matthias Politycki Radio

Leseprobe

Das Schweigen am andern Ende des Rüssels


Die Afrikaschnarcher
Okaukuejo, Juni 2000

Namibia, felsgeprüfte Kargheit in Rot, in Gelb, in Grau. Leere Flußbetten, Dornen, Erdhörnchen. Heißer Wüstenwind, kalter Wüstenwind. Gewitter allenfalls, um den Staub aus der Luft zu waschen.
Doch der Reihe nach.
Als Judy & Mike am ersten Abend ihr Zelt aufschlugen, eine schreibkursgeschädigte Katholikin, ein pensionierter Zauberkünstler, die sich im weitern Verlauf der Fahrt gern wechselseitig ihrer Heimat erinnerten („It looks kind o‘ like in Wyoming, but the mountains are bigger there”), als Judy & Mike ihr Zelt aufschlugen, fragten sie rundheraus, wer von der Gruppe schnarche und wo diese, die Schnarcher, zu nächtigen beliebten -, aber nicht etwa, um sich in entgegengesetzter Richtung ein stilles Plätzchen zu suchen, nein, sondern um sich ebendort, im Kreise der Schnarcher, einzurichten: Auch sie selber, klärten sie uns auf, schnarchten gern und regelmäßig und seit Jahren. Wie’s diesbezüglich denn mit den andern so aussehe?
Gut sah’s aus, sehr gut sogar. Man wollte meinen, die Mopanebäume, unter denen wir unser Lager gewählt hatten, sollten mit vereinten Kräften abgesägt werden. Gab’s überhaupt jemanden, der nicht schnarchte?
Jedenfalls bis zum Moment, da die Nilpferde kamen.
Tagsüber, wir waren in kleinen Booten durchs weitverzweigte Papyrusparadies des Caprivizipfels gefahren, hatte man sie bereits zu Dutzenden genossen, wie sie aneinandergeschmiegt am Ufer lagen und der Verdauung frönten, wie sie im flachen Gewässer standen und sich der Lotosblumen erfreuten, wie sie, listig blinzelnd, abtauchten, mit großem Gebrause drei, vier Minuten später auftauchten und dabei ihre Ohren durch die Luft rotieren ließen, als wollten sie uns durch Possierlichkeit in Sicherheit wiegen. Von einer Sekunde zur nächsten aber, ohne daß wir etwelchen Anlaß mitbekommen hätten, war‘s mit der Beschaulichkeit vorbei- und einer der Bullen hinter einem andern hergewesen, im ungemein flinken Nilpferdgalopp rasten sie beide entlang der Uferböschung, plumpsten plötzlich platschten hinein in den Fluß, verhakten dort ihre weit aufgerissnen Mäuler ineinander, stießen sich die scharfgeschliffnen Hauer ins Fleisch, oh nein, das konnte man selbst als Tourist nicht mehr mißverstehen, und dann jagten sie auch noch unter unsern Booten hindurch - kleinen Kanus, die sie weiß-Gott locker hätten entzweibeißen können -, ehe sie, schnaubend, im Gewimmel der Herde verschwanden.
Wenige Stunden später, wir hatten mit ein paar Zambesi- bzw. Castle-Bieren das Abenteuer besiegelt, lagen wir in unsern Schlafsäcken, und sogar mein Zeltgenosse, der mir in die Hand versprochen hatte, er schnarche nicht, schloß sich der geräuschvollen Gemütlichkeit des allgemeinen Ein- und Ausatmens gern an.
Dann aber kamen sie (...)

Aktuell:
Link zu 'Schrecklich schön und weit und wild'
Link zu 'Reduktion und Tempo'
Link zu '42,195'
 
Nächster Termin
22/09/2017
16:00 Uhr
Forlí
La verità sui bevitori di whiskey & Racconto dell’aldilà
 
Aktuelles Video